Igor medved fliegt raus: finnlands skisprung-team feiert sich selbst zu tode

Die Olympiade war noch nicht vorbei, da saß Igor Medved bereits im Flieger nach Hause – und zwar nicht als Held, sondern als Sündenbock. Der slowenische Chefcoach der finnischen Skispringer muss seinen Posten räumen, weil er den Gold-Coup von Landsmann Domen Prevc mit einer Kette aus Schnaps und Siegesumarmungen zelebrierte, die selbst das olympische Dorf aufschreckte.

Der absturz nach dem höhenflug

Die Kurve ist rasant: Vor zehn Tagen noch feierte Medved mit seinen Athleten das erste finnische Weltcup-Podest seit zwölf Jahren. Antti Aalto und Niko Kytösaho hatten in Lahti Bronze im Super-Team geholt – ein Foto, das in Helsinki wie ein Sieg gegen die eigene Geschichte wirkte. Dann das Gift: Medved verschwand über Nacht aus dem Quarantäne-Bubble, die offizielle Begründung „familiäre Gründe“ ging sofort unter in Spekulationen. Yle lüftet jetzt den Vorhang: Es war reine Alkohol-Frust.

Der Verband um Präsident Tommi Lämsä spielt den Vorfall herunter, lässt den Vertrag einfach auslaufen. Kein Tribunal, keine Pressekonferenz, nur ein trockenes Statement: „Wir danken Igor für seine Arbeit und wünschen ihm alles Gute.“ Dahinter steckt die Erkenntnis, dass ein Team, das seit 2014 keine Medaille gewann, nicht noch einen Eskapisten braucht.

Die lücke hinter der leiter

Die lücke hinter der leiter

Übernimmt nun Lasse Moilanen, bisher Assistenz ohne Rampenlicht. Der 42-Jährige kennt die Springer seit der Juniorenzeit, spricht fließend Finnisch und ist knallharter Disziplin-Fan – Handy-Sperre in der Athleten-Zone, alkoholfreie Hotels, keine Ausnahmen. Die Athleten nennen ihn hinter vorgehaltener Hand „Pasi 2.0“, nach dem legendären Pasi Latomäki, der Finnlands Schanzen in den Neunzigern regelrecht neu programmierte.

Die Frage ist nicht, ob Moilanen die Kurve kriegt, sondern wie schnell er sie durchzieht. Die Weltcup-Saison endet in drei Wochen, die Planungen für die Vierschanzentournee laufen schon. Und da ist dieses kleine Problem: Ohne Medved fehlt die slowenische Mentalitäts-DNA, die Prevc & Co. in Ljubljana gerade zum Gold verholfen hat. Finnland bastelte jahrelang an einer Mischung aus nordischer Gelassenheit und alpiner Aggressivität – jetzt droht ein Reset in die grauen Nykänen-Jahre.

Die rechnung, die niemand vorzeigt

Die Zahlen sind gnadenlos: Unter Medved stieg die Teamwertung um 38 Prozent, die Individual-Punkte der Top-Three (Aalto, Kytösaho, Hirvonen) verdoppelten sich innerhalb einer Saison. Verliert Finnland diese Schubkraft, droht der Absturz auf Rang acht im Nationencup – und damit weniger Startplätze, weniger Preisgeld, wenner Sponsoren. Die Sportart, die einst ganze Schulklassen vor die Fernseher lockte, rutscht in die zweite Reihe zwischen Biathlon und Nordische Kombination.

Für Medved ist der Job im Nationalteam vorbei, nicht aber die Karriere. In Slowenien kursiert schon ein Gerücht: Er soll beim Skiverband als „Mental-Coach“ einsteigen – für eine Handvoll Euro pro Stunde und mit Blick auf die neue Generation um Lovro Vodušek. Ironie der Geschichte: Wer in Finnland wegen zu viel Feierlaune fliegt, landet zuhause als Retter der Stimmung. Die Sportwelt dreht sich eben nicht nur um Sprungweiten, sondern auch um Geschichten, die sich wiederholen – nur eben mit anderen Protagonisten.