Mensing steht nach 369 tagen pause plötzlich wieder im kader – und trifft binnen 154 sekunden

154 Sekunden. So schnell brauchte Aaron Mensing, um nach 369 verletzten Tagen die Schulter wieder ans Kreuz zu heben und das Netz von HSG Wetzlar zum Klingen zu bringen. Jetzt droht MT Melsungen vor dem Showdown gegen HC Vardar Skopje (heute 20.45 Uhr, Rittal Arena) die Qual der Wahl: Risiko oder Reserve?

Der achillessehnenriss ist geschichte, der wettkampfmodus ist zurück

Der 28-jährige Deutsch-Däne saß am Sonntag ursprünglich nur „für den Notfall“ auf der Bank. Als ihn Roberto Garcia Parrondo in der 37. Minute schickte, war die Uhr auf 369 Zähler gestellt – und sein linker Wurfarm sofort wieder auf 100 Prozent. „Die Schulter funktioniert noch“, sagte er nach dem 32:27 mit jenem Augenzwinkern, das Spieler nur dann riskieren, wenn sie sich ganz sicher sind.

Intern hieß es zuletzt, Mensing stehe „außerhalb der Rotationspläne“. Doch genau das macht den Reiz aus: Wer nach einem Jahr Zwangspause so kühl verwandelt, der zwingt den Trainer um. Garcia Parrondo muss heute entscheiden, ob er seine Startformation gegen den mazedonischen Rekordchampion erneut umbaut – und damit ein Viertelfinal-Ticket direkt löst.

Gruppensieg oder playoff-detour – das dilemma

Gruppensieg oder playoff-detour – das dilemma

Ein Sieg gegen Vardar bedeutet Gruppensieg, Heimrecht im Viertelfinale und ein Freilos für die Playoff-Hürde. Ein Unentschieden oder eine Niederlage schickt die Nordhessen auf den Umweg über ein zusätzliches Duell – und verschärft den ohnehin engen Kalender. Die sportliche Brisanz ist laut Mitspieler Alibek Käsler „nicht mit einem normalen Liga-Spiel vergleichbar“. Die emotionale Brisanz kommt obendrauf.

Mensing selbst schwieg gestern zu seiner Einsatzwahrscheinlichkeit. Stattdessen pflichtete er dem Klub-Motto bei: „Erst gesund, dann schnell.“ Die medizinische Abteilung gibt grünes Licht, die Knochenstruktur ist laut interner Messwerte belastbar. Die Frage lautet nicht mehr „ob“, sondern „wie lange“ – und ob er erneut diese „spezielle Spannung“ spüren darf, die er nach eigener Aussage „in den vergangenen zwölf Monaten schmerzlich vermisst“ hat.

Die Arena ist ausverkauft, 4.800 Fans warten auf das Signal. Vardar-Coach Stevče Aluševski warnte seine Mannschaft gestern im Training eindringlich: „Melsungen kann uns mit oder ohne Mensing wehtun.“ Die mazedonische Delegation reiste mit zwei zusätzlichen Physiotherapeuten an – ein Indiz dafür, wie ernst sie den Gegner nehmen. Für Mensing ist die Entscheidung dennoch eine rein deutsche: Noch einmal 60 Minuten Risiko eingehen, oder die nächste Runde abwarten? Die Uhr tickt – und mit jedem Tick wächst das Adrenalin.

Am Ende zählt nur ein Datum: 13. März 2025 – der Tag, an dem Aaron Mensing wieder traf. Ob er heute erneut Geschichte schreibt, entscheidet sich in den letzten 180 Minuten vor dem ersten Pfiff. Die Halle wird toben, egal wie lange er steht. Denn längst ist er mehr als ein Joker: Er ist das lebende Beispiel dafür, dass eine Saison auch nach 369 Tagen noch ein Happy End finden kann.