Icke dommisch wechselt vom football-feld in die handball-arena
Seit Jahren war Christoph „Icke“ Dommisch das Gesicht der NFL in deutschen Wohnzimmern – jetzt steht er erstmals an der Seitenlinie eines Handball-Länderspiels. Ab 18.15 Uhr berichtet er live für ProSieben aus der Berliner Max-Schmeling-Halle, und die Frage ist nicht, ob er die Sportart versteht, sondern ob die Sportart ihn versteht.
Er kam als netman und wurde zum markenzeichen
Dommisch, 37, schaffte das, was kaum einem TV-Autoren gelingt: Er wurde zur Figur. Als Community-Moderator von „ran NFL“ bügelte er User-Kommentare live auf ProSieben, schluckte Fehlwürfe der Taktik-Brett-Experten und verpasste dem sonst so glattgebügelten US-Sport ein Grinsen. 2019 und 2022 holte das Format den Deutschen Fernsehprejis – beide Male stand Dommisch hinter der Kulisse, war aber spürbarer Teil des Erfolgsrezepts. Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung nannte ihn damals „Gesicht des Erfolgs“, weil er die anonyme Masse der Twitter-Frustrierten in die Sendung holte und ihnen Gehör verschaffte.
Dann verlor ProSiebenSat.1 die NFL-Rechte. Dommisch blieb nicht in der Kälte sitzen, sondern drehte durch: Basketball-Playoffs, Eishockey-Penaltys, jetzt Handball-Kreisläufer. Keine Sportart war sicher vor seinem Mikro. Gemeinsam mit Ex-Sky-Reporter Max Zielke startete er 2020 den Podcast „Sport Support“, in dem er sich quer durch alle Disziplinen fräst. Die Quote stimmt, die Markenliebhaber auch. Doch der Sprung ins Handball-Mainstream ist ein neues Level.

Handball sucht einen gesichts-transplantat
Die Deutsche Handball Bundesliga (HBL) wächst seit Jahren, aber die TV-Präsenz stagniert. Sky berichtet ausgewählte Spiele, ARD und ZDF springen nur bei WM und EM an. ProSieben versucht seit 2022 die Lücke mit kostenlosen Länderspielen zu füllen – und sich mit Promi-Power zu versorgen. Dommisch soll die Brücke schlagen zwischen Hardcore-Fans und jenen Zuschauern, die Handball bisher nur aus der Sportschau-Peripherie kennen.
Heute Abend testet er seine Plausibilität. Kommentator Florian Schmidt-Sommerfeld liefert Tempo, Silvio Heinevetter liefert Fachkompetenz. Dommisch liefert sich. Ob er die ägyptische Defensive so pointiert auseinander nimmt wie früher die Zone-Defense der Kansas City Chiefs? Ob er die deutsche 3-2-1-Abwehr mit Twitter-Memes erklärt? Die Antwort kommt live, ohne Netz und doppelten Boden.
Der Handball selbst liefert die Story: Deutschland trifft auf Ägypten, den Olympia-Vierten von Tokio 2021. Die Deutsche Mannschaft will sich nach dem enttäuschenden EM-Viertelfinale neu vermessen. Kapitän Johannes Golla fordert „ein Signal nach vorne“, Bundestrainer Alfreð Gíslason schickt Jung und Alt auf die Platte. Die sportliche Frage lautet: Wer übernimmt die Linksaußen-Position neben Uwe Gensheimer? Die mediale Frage lautet: Wer übernimmt die Mikrofon-Position neben Schmidt-Sommerfeld?
Dommisch lacht das weg. „Ich hab keine Ahnung von Handball“ – das sagte er vor drei Wochen im Podcast. Dann schaute er sich 14 Spiele in Serie an, sprach mit Co-Trainern, bestellte sich ein Buch über 7-vs-6-Offensive und ließ sich von Heinevetter erklären, warum Kreisläufer nicht einfach nur groß sind. Am Ende hatte er 22 Seiten Notizen und einen Satz parat: „Ich will die Leute abholen, wo sie stehen – und mitnehmen, wo sie hingehen.“
Die Quote wird es zeigen. Laut AGF lag das letzte Deutschland-Länderspiel auf ProSieben bei 0,89 Millionen Zuschauern – solide, aber kei Hit. Dommisch bringt 132.000 Twitter-Follower, 78.000 Instagram-Abonnenten und eine Community, die sonst eher Madden-Streams schaut. Wenn nur zehn Prozent umschalten, verdoppelt sich die Reichweite. Die Handball-Welt winkt mit dem Zaunpfahl, weil sie endlich wieder jemanden hat, der über den Tellerrand schaut.
Um 20.30 Uhr ist Schluss. Dann steht Dommisch entweder als Handball-Convert vor der Kamera oder als Football-Journalist, der sich verlaufen hat. Beides wäre unterhaltsam. Beides wäre Icke. Und das ist der Grund, warum ProSieben ihn bucht: nicht trotz, sondern wegen seiner Unwissenheit. Wer sich in fremde Sportarten verirrt, findet neue Geschichten. Die Halle ist ausverkauft, die Kamera läuft, das Mikro ist warm. Möge das beste Spiel gewinnen – und das beste Format auch.
