Holmenkollen wirft die letzte großschanze der saison – raimund jagt podestplatz drei
Oslo dampft. Die Schneekanonen arbeiten auf Hochtouren, die Tribünen am Holmenkollen füllen sich langsam mit dem typischen Skandinavien-Kribbeln. Für die Skispringer geht es hier um mehr als nur zwei Flugtage: Es ist das Finale der klassischen Großschanzen, bevor die Tournee in die Flugstaffel rast. Und für Bundestrainer Stefan Horngacher ist es zugleich der letzte Einsatz im DFB-Dress. 56 Jahre alt, 30 Jahre Trainerleben – und jetzt dieses finale Feuerwerk.
Horngachers abschiedskommand: angriff aufs podest
„Wir wollen die Spitze ärgern, wir wollen geschlossen auftreten, wir wollen keine halben Sachen mehr“, sagt er und klingt dabei weniger wie ein Coach, sondern wie ein Boxer, der weiß, dass die nächsten Runden die letzten sind. Die Mannschaft habe sich auf den ersten Trainingssprung verständigt, konzentriert, fokussiert, ohne Ablenkung. Die interne Parole: Kein Springer bleibt zurück. Klingt nach Standardvokabular, ist aber ein Seitenhieb auf die verpatzte Vorsaison, als sich die DSV-Truppe in Oslo noch gegenseitig die Schuld für vermasselte Serien zuschob.
Der neue Schwung hat einen Namen: Philipp Raimund. 25 Jahre, Olympiasieger, Lahti-Sieger, und trotzdem noch ein Häkchen offen. Er liegt 51 Punkte hinter Daniel Tschofenig auf Rang vier der Gesamtwertung. Die Devise: Platz drei oder nichts. „Letztes Jahr habe ich hier 135 Meter geschrieben, das gibt mir Rückenwind“, sagt er und lächelt dabei so entspannt, als hätte er die Rechnung schon gemacht: zwei solide Sprünge, ein kleines Wunder, und die rote Zahl im Konto wird grün.

Das deutsche aufgebot zwischen anspruch und alltag
Andreas Wellinger reist als Geheimfavorit an – zumindest in der Theorie. Seine Saison war ein Geduldsfaden: mal Top-Ten, mal Qualifikationszitterei. Felix Hoffmann ist der Mann für die große Bühne, wenn seine Muskeln mitspielen. Pius Paschke schraubt seit Wochen an der Einstellung, Karl Geiger versucht, die Olympia-Enttäuschung abzuschütteln, und Ben Bayer? Der 21-Jährige darf erstmals in Oslo ran, ein Lehrgeld-Springen, aber mit Option auf Aha-Effekt. Horngachers Bilanz: „Wenn einer der Jungs 140 Meter zeigt, kann die ganze Truppe mitziehen.“ Das klingt nach Gruppendynamik statt Einzelkönigtum – und genau das ist der Plan.
Die ARD überträgt Samstag ab 16.40 Uhr live, Eurosport und DAZN liefern Parallel-Streams. Wer den Fernseher verpasst, kann im Live-Ticker von Sport Bild nachhaken – oder einfach die 25 000 Norweger auf der Anlage hören, die jeden Meter Anlauf mit einem „Ooooo-slooooo“ begleiten. Die Atmosphäre ist ein Dopingmittel ohne Nebenwirkungen.

Nach oslo nur noch fliegen – und dann die große leere
Wenn die Schanze hier geschlossen wird, geht es nach Planica, Kulm, Vikersund – 250 Meter Flug sind keine Fiktion mehr. Für Horngacher bedeutet das: Letzte Chance, den Nachfolgern ein Punktepolster zu hinterlassen. Für Raimund: Letzte Chance, das Podest zu kappen. Für die Fans: Letzte Chance, sich an klassischer Form zu erfreuen, bevor die Flugriesen die Gesetze der Schwerkalt außer Kraft setzen.
Die Zahl des Tages: 51. So viel Punkte Rückstand hat Raimund auf Tschofenig. Die Devise: Ein Sprung kann alles drehen. In Oslo wird nicht nur gewertet, hier wird weggeschickt – mit einem Klang, der bis in den Frühling hallt. Wer heute zögert, fliegt morgen nicht mehr mit. Das ist die harte Poesie des Skisports, und sie beginnt am Holmenkollen um Punkt 16.40 Uhr.
