Hintermanns letzter run: krebs geschlagen, ski weg
Niels Hintermann startet heute in Kvitfjell zum letzten Mal. Der 28-Jährige beendet eine Karriere, die höher, schneller – und kranker war als jede andere.
Der sieg, der alles überstrahlt
50000 Zuschauer brüllten ihm 2022 an der Streif zu, als er in Kitzbühel Dritter wurde. Drei Weltcupsiege stehen im Palmares. Doch wenn er an diesem Samstag ins Ziel fährt, denkt er nicht an diese Tage. „Der emotionale Höhepunkt war der Anruf der Ärzte“, sagt er. „Krebsfrei. Dieses Wort schlägt jeden Pokal.“ Im Herbst diagnostizierten die Mediziner Lymphdrüsenkrebs. Drei Monate später war der Körper sauber, die Saison ruiniert, die Karriere beendet. „Ich bin froh, dass ich die Abschiedsfahrt noch erlebe“, sagt er. „Viele bekommen die nicht mal.“

Der federer-abend und der schuh im schnee
Einmal saß er mit Roger Federer an einem Tisch. Der Veranstalter hatte dem Tennisstar eine eigene Lounge reserviert. Federer blieb trotzdem bei den Skifahrern. „Er war einfach da. Kein Star, nur ein Mensch“, schwärmt Hintermann. „Ein richtig cooler Siech.“ Weniger cool: Die Geschichte vom Sessellift. 2022 rutschte ihm in der Gondel der Innenschuh aus dem Zielsack. Er musste barfuß durch den Pulverschnee waten, während die Konkurrenz von oben zusah. „Eine ziemliche Blamage“, lacht er. „Aber heute ist es nur noch eine gute Anekdote.“

Kein kostüm, nur gas
Andere Piloten feiern sich mit Glitzer-Helm oder Comic-Kombi. Hintermann will pur fahren. „Ich will spüren, wie sich die Kante in die Einschwinge beißt“, sagt er. „Danach lege ich die Ski neben die Chemotherapie-Mappe. Beide haben mich formiert.“ Er erwartet den „schönsten Tag meiner Karriere“. Kein Druck, keine Uhr, nur er und die 2800 Meter in Kvitfjell, wo er 2022 seinen ersten Abfahrtssieg feierte. Der Kreis schließt sich – nur dass er diesmal nicht nach der Siegerehrung zurückkommt, sondern nach Hause. Mit 28. Mit Krebs besiegt. Mit nichts mehr zu beweisen.
