Hintermann sagt goodbye – und fährt doch noch in lillehammer

Die Kamera lief noch, da sprudelte es heraus: „Ich bin fertig mit Skifahren.“ Niels Hintermann hatte sich nach der Abfahrt von Courchevel ein Mikrofon geschnappt und seine Karriere für beendet erklärt. Drei Tage später steht der 30-Jährige wieder im Swiss-Ski-Aufgebot für das Weltcupfinale in Lillehammer. Die Bühne für seine Abschiedsvorstellung ist gebucht.

Der Zürcher hatte seine Entscheidung mit nüchternen Worten begründet. „Ich bin nicht mehr bereit, mein Leben so zu riskieren, wie ich es müsste“, sagte er dem SRF. Die Unfallserie der vergangenen Saison hatte offenbar tiefe Spuren hinterlassen. Crans-Montana, so verkündete er, war sein letztes Rennen. Die Sportschau-Reporter staunten, die Kollegen im Zielbereich applaudierten – und jeder dachte: Das war’s.

Swiss-ski hält die tür offen

Swiss-ski hält die tür offen

Doch die Verbandstopper zögerten. Lillehammer gilt als technisch anspruchsvoll, aber nicht als „Killer-Piste“. Die Planung für das Saisonfinale lief bereits, Hintermanns Name stand noch auf der Liste. Also blieb er drauf. Intern heißt es, man wolle ihm eine „würdige Ausfahrt“ ermöglichen. Klingt nach Sentimentalität, ist aber auch Taktik: Ohne Hinterermanns Erfahrung fehlt in der Abfahtsgruppe ein Mann, der die Linien kennt und die Jüngeren lotsen kann.

Die Konkurrenz schielt bereits. Luca Aerni, Loïc Meillard und Marco Odermatt bilden das neue Herzstück. Hintermann wird vor allem Mentor sein – und sich selbst überwinden. „Noch ein Mal Adrenalin, dann Schluss“, sagt ein Teaminsider. Die Norweger pfeifen auf Fair-Play-Geschichten. Sie wollen den Sieg. Für sie ist Hintermann nicht der Held im Abnutzungsgefecht, sondern ein Gegner mit Startnummer.

Bei den Damen schickt Swiss-Ski eine fast komplette neue Garde. Corinne Suter fehlt verletzt, dafür startet Jasmine Flury als Favoritin. Ihre Formkurve zeigt nach oben, die Sturzquote der Konkurrenz ebenfalls. Die Rede ist von „letzter Chance“ auf Podestpunkte vor der Sommerpause. Wer in Lillehammer strauchelt, muss im Sommer hart trainieren – oder überlegen, ob der Alpine Skisport überhaupt noch Spaß macht.

Hintermann braucht sich diese Gedanken nicht mehr zu machen. Nach dem letzten Rennen am Sonntag will er die Ski in den Schrank hängen und nach Zürich zurückkehren. Kein Abschiedstränen-Klischee, kein Comeback-Gerücht. „Ich habe genug gesehen“, sagt er. Die Zahl, die bleibt: 59 Weltcup-Starter, kein Sieg, aber zwei Podestplätze. Statistisch bescheiden, menschlich nachvollziehbar. Wer die Risiken kennt, zieht irgendwann die Notbremse. Hintermann tat es vor laufender Kamera – und fährt trotzdem noch einmal. Das ist Sportlogik: manchmal irrational, immer emotional.