Hilde gerg rückt nach – olympiasiegerin wird gemeinderätin in schönau
Die 50-Jährige, einst als „Wilde Hilde“ gefürchtet, hat sich nicht einfach mit einem Ehrenamt zufriedengegeben – sie hat sich wählen lassen. Und zwar mit mehr Stimmen als der CSU-Mann, der auf dem offiziellen Wahlzettel vor ihr stand. Jetzt sitzt Hilde Gerg für die nächsten fünf Jahre im Gemeinderat von Schönau am Königssee.
Neue arena statt schnee
Die Zahlen sind unverändert beeindruckend: 20 Weltcup-Siege, 59 Podestplätze, Olympia-Gold 1998, WM-Gold 2005. Doch seit dem vergangenen Freitag zählt eine andere Zahl: 12,4 Prozent – ihr Stimmanteil, der sie zur Nachrückerin machte, nachdem der vorplatzierte CSU-Kandidat sein Mandat ablehnte.
„Ich habe 20 Jahre lang Kurven geplant, jetzt plane ich Radwege und Kindergärten“, lacht Gerg, die mittlerweere als Hilde Graßl-Hirschbiel heißt. Der Vergleich ist nicht abwegig. Als Skirennläuferin musste sie Millisekunden vorherspüren; als Kommunalpolitikerin geht es um Jahre vorausdenken.
Die Idee war kein Spontanakt. Seit 2018 sitzt sie im Bauausschuss des Marktes, berät beim Skiclub und organisiert Green-Events am Königssee. „Wenn du einmal Olympiadorf gesehen hast, weißt du, was Infrastruktur heißt“, sagt sie. „Nur dass wir hier keine Bobbahn, sondern einen Übergang von der Grundschule zur Mittelschule brauchen.“

Die csu verlor einen sitz, die bürger gewannen eine stimme
Die Christsozialen hatten Gerg auf Listenplatz vier gesetzt – formal eine Absicherung, real ein Ausrufezeichen. Denn die Wähler schoben sie nach vorne. Ihr Ergebnis: 176 Stimmen mehr als der Drittplatzierte ihrer eigenen Fraktion. Die Botschafterrolle nimmt sie ernst: „In Bayern denkt man bei Sportlern erst an Skistöcke. Ich zeige, dass wir auch Meinungsstöcke führen können.“
Am 1. Mai tritt der neue Rat zusammen. Erste Baustelle: der chronische Parkplatzmangel rund um den Königssee. Zweite Baustelle: ein barrierefreier Zugang zur Eishalle, in der früher ihre Tochter trainierte. Dritte Baustelle: die geplante E-Mobil-Ladestraße, die quer durch den Ort führen soll. „Wo früher die Kanten meiner Ski den Eisaufschlag bestimmten, bestimme ich jetzt, wo Ladekabel verlaufen“, sagt sie trocken.
Die Athletin, die einst in Nagano mit 0,14 Sekunden Vorsprung gewann, weiß um knappe Spielräume. Im Gemeinderat liegt der Spielraum bei einer Stimme – ihrer. „Ich bin es gewohnt, dass Entscheidungen im Zielhang fallen. Jetzt fallen sie im Sitzungszimmer. Der Adrenalinspiegel ist derselbe, nur der Dresscode anders.“
Ihre Amtszeit läuft bis 2032 – dasselbe Jahr, in dem München vielleicht wieder Olympiade schreibt. Sollte es klappen, würde Gerg als erste Gemeinderätin Deutschlands in ihrem eigenen Rathaus die Bewerbung eines Olympiaortes mitverhandeln. Ironie der Geschichte: Sie wäre dann nicht mehr auf der Piste, sondern auf der Besucherplattform.
