Harder schockt united, tanikawa landet nach 9.000 km den sieg: bayerns frauen kassieren sieg und heimweh

Old Trafford, 21.30 Uhr Ortszeit: Pernille Harder dreht sich zur Kurve, reißt die Arme hoch – und grinst wie ein kleines Mädchen, das gerade entdeckt hat, dass Träume nicht nur was für Jungen sind. Der 3:2-Auswärtssieg des FC Bayern bei Manchester United ist längst mehr als ein Ergebnis, es ist ein Statement inklusive Jetlag-Torjägerin und Heimweh-Attacke.

Harders kindheitstraum, den es nie gab

„Als ich zehn war, gab’s hier keine Frauenmannschaft“, sagt Harder, während ihre Eltern hinterm Interview-Zaun winken. Zwei Mal steckt sie ihre dänische Sprintqualität in Lücken, die Uniteds Hochpressen offen lässt. 1:1, 2:2 – und jedes Mal läuft sie so, als würde sie der Geist von Ryan Giggs antreiben. „Ich hab nie davon geträmt, im Old Trafford zu treffen. Weil es keinen Platz dafür gab.“ Die Ironie: Jetzt ist sie die erste Frau, die hier zweimal in einem Spiel trifft. Die Statistik kennt keine Nostalgie, nur Namen. Harder steht jetzt drin.

Lea Schüller steht drei Meter weiter, rot-weiß statt rot-schwarz. Sie wirkt wie jemand, der vergisst, dass sie gewechselt ist. „Natürlich bin ich nicht ganz zufrieden“, sagt sie zu Disney+, während die Kolleginnen hinter ihr „Mia san mia“ brüllen. Fast sechs Jahre Bayern-Code sind in ihr gespeichert, jetzt versucht sie, Uniteds Spielweise zu debuggen. Der Handelfmeter, den sie rauscht, bringt United zurück. Das 3:2 kurz vor Schluss holt Tanikawa aus dem Handgepäck.

Tanikawa: 9.000 km, zwei stunden schlaf, ein tor

Tanikawa: 9.000 km, zwei stunden schlaf, ein tor

Momoko Tanikawa landet am Morgen nach dem Asien-Cup-Finale in Sydney, schläft im Flugzeug sitzend, träumt von Tokio und wacht in Manchester auf. 20 Jahre alt, 0,5 Sekunden Reaktionszeit. Ihr Solo links außen ist ein YouTube-Lehrvideo: Zwei Gegenspielerinnen schaut sie sich an, als wären es Standbilder. Dann pfeffert sie die Kugel ans Lattenkreuz. 3:2. Fertig. „Momo hat einen Jetlag, der würde mich umhauen“, sagt Harder. „Aber sie rennt, als wäre sie gestern Abend um 22 Uhr ins Bett.“

Die Zahne der Partie: 27 Ballverluste in der ersten Halbzeit – United. 14 – Bayern. Hochpressen ist toll, solange der Rasen mitspielt. Der wird nach 70 Minuten zum Sandkasten, Bayern kurz vor dem Zusammenbruch. Dann kommt Tanikawa. Und plötzlich steht da eine Mannschaft, die weiß: Rückspiel in München, aber die Schwere der Auftaktpleite trägt United.

Rückspiel? schüller hat noch ein häkchen offen

Rückspiel? schüller hat noch ein häkchen offen

Schüller spricht von „Anpassungsproblemen“, meint: Sie kennt Gwinn, Bremer, Hegering noch aus der Nationalmannschaft, aber jetzt stehen sie ihr im Weg. „Wenn ich in der Box bin, weiß ich, dass sie genau wissen, wann ich abschließe.“ Die Lösung: früher starten, tiefer fallen, den eigenen Rhythmus stören. Das 1:1 leitet sie ein, das 3:2 verhindert sie fast. Beim Rückspiel am 27. März in der Allianz Arena will sie die Rechnung begleichen. „Dann bin ich nicht mehr die Ex-Bayerin, sondern die Angreiferin, die sie rauswerfen müssen.“

Bayern-Trainer Alexander Straus nimmt die Flasche Wasser aus der Hand, als wäre sie ein Taktikboard. „Wir haben gewonnen, aber wir haben auch gesehen, wie schnell unsere Viererkette auseinanderbricht, wenn United die Lücke findet.“ Er spricht von „Spielkontrolle“, meint: Wir haben keine. Aber wir haben Harder. Und Tanikawa. Und drei Tore. Manchmal reicht das.

In der Mixed Zone flüstern zwei Münchner Spielerinnen: „Wenn wir das so weiterspielen, holt uns Barca vor dem Finale weg.“ Die Katakomben von Old Trafford riechen nach Gras und Sieg. Für Harder riecht es nach Kindheit, die nie existierte – und jetzt doch. Für Schüller riecht es nach altem Zuhause, das sie demnächst wieder verlassen will. Und für Tanikawa? Die schläft schon im Bus, 9.000 Kilometer und 90 Minuten weiter. Ihr Tor ist eingepackt, im Handgepäck. Die Champions League ist noch lange nicht zu Ende. Aber der erste Schock sitzt – und der zweite kommt in drei Wochen. Dann in München. Ohne Jetlag. Mit allem.