Gündoğan fordert stopp: „leroy sané braucht freiheit – nicht ketten aus kritik“

Leroy Sané steht vor dem Spiel gegen die Elfenbeinküste am Abgrund der öffentlichen Wahrnehmung – und sein Klubkollege İlkay Gündoğan schlägt zurück. „Ich glaube, die Leute verstehen Leroy nicht. Und ich glaube, dass sie ihm Unrecht tun“, schreibt der ehemalige DFB-Kapitän in seiner Spiegel-Kolumne. Die Wucht des Satzes trifft mitten ins Herz eines Debattensommers, der sich selbst nach einem 7:1 gegen Curacao nicht legt.

Der fehler, der keiner war

Was war geschehen? Sané hatte nach der Gala einen einzigen Ball verloren, eine Flanke war zu hoch angesetzt – und schon kochten die Kommentarspalten. Diskussionen über Rotation, über Müdigkeit, über Charakter. Nagelsmann musste sich in der Mixed Zone rechtfertigen, Sané selbst verließ das Stadion mit einem Gesicht, das zwischen Arroganz und Verzweiflung schwankt. Die Szene, die keiner sendete, zeigt ihn, wie er dem Putzteam zunickt und die Kabinentür hinter sich zuzieht. Kein Wort.

Gündoğan kennt diesen Moment. „Als Spieler ist es mental unheimlich schwer, damit umzugehen. Oft hat Leroy das Gefühl, dass die Leute nur darauf warten, dass er etwas falsch macht.“ Die Feststellung trifft den Kern eines Systems, das schneller urteilt als analysiert. Die Statistik spricht für den Flügelspieler: drei Torschüsse, zwei Vorlagen, zwölf eroberte Zweikämpfe. Doch die Zahl, die in den Medien hängen bleibt, lautet: ein Fehlpass.

Ein bruder im feuer

Ein bruder im feuer

Die Verbindung zwischen Sané und Gündoğan reicht tiefer als die gemeinsame Türkei-Erfahrung bei Galatasaray. Beide kennen die Zweifel des deutschen Fußballs an Spielern mit Migrationshintergrund, beide wissen, dass Exzellenz alleine nicht reicht, wenn die Erwartung lautet, ein Akteur solle „die deutsche Seele“ verkörpern. „Für sein Spiel braucht Sané Freiheit und die Möglichkeit, Fehler machen zu dürfen“, schreibt Gündoğan. „Aber wenn ständig die Angst mitspielt, dass nach dem ersten Fehler im Spiel sofort wieder Kritik aufkommt: Wie soll Leroy da dauerhaft funktionieren?“

Die Frage bleibt hängen, während die Mannschaft ins Stadion fährt. Draußen stehen Fans mit Riesenbildern von Sané, die Nummer 19 glänzt in Schwarz-Gelb. Ein Junge hält ein Schild hoch: „Leroy, wir stehen hinter dir.“ Sekundenbruchteile später wird das Bild im Stadion auf die Leinwand geworfen. Die Menge johlt. Es ist der Moment, in dem die Ketten der Kritik für einen kurzen Moment klirrend abstürzen.

Spieltag und die last der erwartung

Spieltag und die last der erwartung

19:58 Uhr – die Anpfiff-Countdown läuft. Sané steht seitlich der Mittellinie, sein Blick sucht Gündoğan. Die beiden tauschen ein Nicken. Keine Worte, nur ein Pakt. Die Elfenbeinküste beginnt druckvoll, doch Sané ist es, der nach sieben Minuten den ersten Sprint wagt. Sein Antritt reißt die Abwehr auf, der Pass in die Mitte landet bei Musiala – knapp am Pfosten vorbei. Das Stadion atmet. Die nächste Aktion zehn Minuten später: Sané zieht von links nach innen, zirkelt den Ball mit dem rechten Fuß an die Unterkante der Latte. Tor. 1:0.

Die Übertragung sucht Gündoğan. Er steht am Spielfeldrand, die Hände in den Hüften, ein fast unmerkliches Lächeln. „Das ist der Leroy, den ich kenne“, sagt er später in der Kabine. „Nicht der Fehler, sondern die Reaktion darauf zählt.“ Die Kritiker? Sie schweigen in dieser Nacht. Die Tore sprechen für ihn. Und die Geschichte, die Gündoğan in seiner Kolumne erzählt, bekommt ein neues Kapitel: „Manchmal muss man den Spielern den Raum geben, sich selbst zu erfinden. Dafür sind wir hier – nicht, um sie zu zerstören.“