Gravina steht nach bosnien-debakel vor dem aus: italiens wm-trauma wird zur falle

Gabriele Gravina hat sich einmal einen Schilfrohrhalm genannt – biegsam, aber unzerbrechlich. Nun, nach dem 0:1 in Zenica und der dritten WM-Pleite in Serie, droht dem 72-jährigen Figc-Präsidenten das Ende, das er jahrelang abwehren konnte.

Der consiglio federale entscheidet über gravinas schicksal

Rom flucht, Mailand zweifelt, Neapel spuckt aus Wut auf den Asphalt. Die Niederlage gegen Bosnien-Herzegowina war kein Unfall, sie war das symptomatische Finale eines Plans, der schon lange Risse zeigte. Gravina, seit 2018 im Amt, muss sich in den nächsten Tagen dem Consiglio federale stellen – und dort herrscht längst kein Automatismus mehr. Die 98 % der Stimmen, die er 2022 noch einsackte, zählen nur noch als historische Fußnote.

Im Palazzo dello Sport in Roma kursiert ein Papier: ein Fahrplan für den Notausstieg. Keine offizielle Agenda, nur ein paar handschriftliche Notizen. Darunter das Stichwort „commissariamento“, also die Amtsenthebung durch den Staat. Laut Statuto Coni ist das Verfahren kompliziert, aber nicht unmöglich. Die politische Linke fordert lautstark einen Neuanfang, die Rechte schweigt strategisch. Gravina selbst zieht sich nach Zenica zurück, lässt durch Vertraute verlauten: „Er wird nicht von selbst gehen.“

Spalletti, ceferin und die verpatzte reform

Spalletti, ceferin und die verpatzte reform

Luciano Spalletti ist Teil des Problems, nicht der Lösung. Der Coach blieb, weil Gravina ihn für die neue Spielphilosophie brauchte – doch die Idee, das Mittelfeld mit drei Regisseuren zu betreiben, endete in einem Ballverlust-Drama. Uefa-Boss Aleksander Čeferin saß in Zenica auf der Ehrentribüne und applaudierte höflich, doch sein Lächeln war das eines Mannes, der weiß: 2032 wird Italien die EURO ausrichten, mit oder ohne Gravina. Der Verband braucht Stabilität, keine Schulterklappen.

Die Goal-line-Technologie? Funktionierte, aber sie rettet keine Seele, wenn das Team vor der Linie schon resigniert. Die Videoschiedsrichter? Stumme Zeugen eines Elfmeters, den es nie gab. Die Fans tobten auf TikTok, schnitten Clips, in denen ein Ball die Linie nicht überquert – und trotzdem jubelt Bosnien. Das Bild ging viral, das Symbol auch: Italien steht vor leeren Toren.

96 Monate macht, drei wm-nullen, ein prozess in sulmona

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Gravina überstand die Pandemie, die fast den kompletten Amateurbereich zerstörte. Er überstand den Skandal um die Libri antichi, die alten Bücher, die plötzlich neue Preise hatten – und für die ein Verfahren wegen Autorecycling in Sulmona noch läuft. Er überstand den Europameister-Titel 2021, der Mancini den Rücken stärkte und dann doch zerbrach. Aber er wird nicht das nächste Jahr überstehen, wenn das Consiglio federale morgen die Reißleine zieht.

Die Zahlen sind gnadenlos: null Tore in den letzten zwei Play-off-Finals, ein Torverhältnis von 1:4 in entscheidenden K.o.-Spielen seit 2017, drei Trainer in vier Jahren. Und die Einschaltquote? Kollabiert. Rai verlor am Dienstagabend 1,8 Millionen Zuschauer gegenüber dem Sechzehntelfinale 2021. Die Werbepartner schauen auf die Excel-Tabellen, dann auf den Kalender: noch 2.958 Tage bis zur Heim-EM. Genug Zeit für einen Neuanfang – oder für den totalen Absturz.

Gravina fliegt zurück nach Rom. Vor ihm liegt eine Nacht ohne Schlaf, hinter ihm eine Karriere, die wie ein Schilfrohr aussah – bis der Sturm von Zenica das Rohr entwurzelte. Der Consiglio federale tagt am Freitag um 10 Uhr. Die Mehrheit ist noch nicht sicher, aber die Stille vor dem Treffen ist das lauteste Indiz: niemand wagt mehr öffentlich die Frage, ob er bleibt. Sie stellt sich nur noch im Flüsterton: wer springt, wenn das Schilfrohr bricht?