Gislason zündet den turbo: silber-mannschaft jagt gold-traum gegen ägypten

300 Tage vor dem Eröffnungswurf der Heim-WM rollt Alfred Gislason den Teppich aus. Keine Zeit für Nostalgie, keine Sekunde Silber-Schwelgen. Der Isländer trommelt seine Silber-Boys zusammen, schickt sie gegen den afrikanischen Champion Ägypten ins erste Feuertest-Duell und schaltet den Modus „Gold-Attacke 2027“.

Warum ausgerechnet ägypten der perfekte prüfstein ist

Frankreich zwang die Pharaonen in Kroatien erst im Viertelfinale in die Knie, Dänemark zitterte bis zum letzten Pass. Gislason will genau diesen Druck auf seine Abwehr loslassen. „Kein Gegner erzeugt außer den Skandinaviern mehr Rückraum-Stress“, sagt er. Tim Freihöfer und Timo Kastening sollen den entfallenen Links- und Rechtsaußen sofort kompensieren, während Lasse Ludwig hinter David Späth und Jannik Kohlbacher den ersten von 21 Schritten auf dem Weg zum Traumtor in der Münchner Arena macht.

Die Rechnung des Bundestrainers ist kalt. Er muss bis Januar kein Pflichtspiel bestreiten, dafür aber jeden Test bis ins Detail nutzen. Mitte Mai folgt Dänemark, im Herbst warten vermutlich Norwegen und Schweden. Wer da nicht mithält, fliegt raus – Vertragsverlängerung hin oder her. Gislason: „Ich bin locker, aber ich bin auch leidenschaftlich. Und ich will gewinnen.“

Inside the camp: was späth und kohlbacher wirklich antreibt

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Die Kabine in Dortmund ist ab Donnerstag ab 18:15 Uhr ein Labor. Jede Rotation, jede Abwehrverschiebung wird live auf ProSieben gefilmt, analysiert, gespeichert. Torhüter David Späth formulierte den Auftrag neu: „Silber ist Geschichte. Wir müssen lernen, den letzten Schritt zu gehen.“ Dafür schließt sich der Kreis: 1978 holte Deutschland sein erstes WM-Gold, 2007 das zweite – beide Male mit Heimvorteil. Die Statistik gibt der Mannschaft recht, doch Statistik spielt keine 60 Minuten in Köln.

Marko Grgic fehlt zunächst erkrankt, Nils Lichtlein laboriert an der Schulter. Die vermeintlichen Lücken sind aber bewusst gesetzt. Gislason testet, wie seine verbliebenen 14 EM-Silberträger Druck wegstecken. Teammanager Benjamin Chatton nennt es „Kontinuität mit Adrenalin-Shots“. Gemeint ist: Wer heute nicht liefert, fliegt morgen aus dem Kader. Das weiß auch Tim Freihöfer. Der Kastenwagen-Kapitän von der HSG Wetzlar bekommt seine dritte Chance – und nutzt sie, oder die Reise geht ohne ihn weiter.

Die wahrheit hinter den kulissen

Die wahrheit hinter den kulissen

Ingo Meckes, Sportvorstand, blickte in der gestrigen Presse-Runde auf die Uhr: „Ab jetzt zählt jeder Tag.“ Der Countdown läuft intern mit Minutenpräzision. Athletiktrainer, Analysten, Mentalcoach – alle liefern täglich Daten an Gislasons iPad. Die Abwurfzeiten der Rückraumsschützen, die Sprungkraft von Juri Knorr, die Reaktionswerte von Julius Kühn. Keine Spur von Gemütlichkeit. Wer glaubt, Gastgeber zu sein reiche für ein Happy-End, hat die letzten Turniere nicht verstanden. Frankreich 2017 scheiterte im Halbfinale, Spanien 2021 ging leer aus. Nur Dänemark schaffte 2019 den Heim-Triumph – und genau diesen Standard will Gislason kopieren.

Die Fans in Dortmund und Bremen sind längst ausverkauft, 14.000 Schreie pro Abend. Für die Spieler ist das kein Freundschaftsspiel, sondern ein Vorbild von dem, was sie in 300 Tagen erwartet. Wer jetzt die Nerven verliert, verliert auch im Januar den Anschluss. Die Botschaft ist klar: Gold oder nichts. Die Zeiten, in denen Silber gefeiert wurde, sind vorbei – zumindest im Kopf eines 66-jährigen Isländers, der seinen letzten großen Coup plant. Und wenn er diesen Plan in die Tat umsetzt, schreibt er sich nicht nur in die deutsche Handball-Geschichte ein – er schreibt sie neu.