Gidsel jagt yoons jahrhundert-rekord – warum er selbst daran zweifelt

227 Tore, neun Spieltage, 97 Treffer Luft nach oben. Mathias Gidsel schiebt die Zahlen wie Eisenstangen vor sich her, doch der Mann, der in dieser Saison fast alles trifft, glaubt nicht an die Mutter aller HBL-Rekorde.

Der Grund? Er darf nicht mal von der Siebenmeterlinie zielen. „Wenn du nicht gut genug bist, um die Siebenmeter zu werfen, ist der Traum ein bisschen unrealistisch“, sagt der 26-Jährige und lacht dabei – halb selbstironisch, halb frustriert.

Der flügelzug aus dem linken rückraum

Gidsels Zahlen sind trotzdem schon jetzt absurd. Elf Tore gegen Erlangen, zehn-Tore-Schnitt über die komplette Rückrunde, 25 Treffer Vorsprung vor Verfolger Kai Häfner. Kein anderer Akteur der Liga trifft so oft aus dem Feld. Kein anderer Akteur braucht auch nur annähernd so viele Würfe, um sich selbst in die Highlight-Reihen zu katapultieren.

Die Berliner Fans skandieren seinen Namen, sobald er den Ball in die Hand nimmt. Die Gegner wissen, dass sie ihn doppeln müssen – und kassieren trotzdem. Gidsel ist längst mehr als nur ein Torjäger; er ist der Spielmacher, der Plan B und C in einer einzigen Aktion vereint. Doch genau das macht den Rekord so unwahrscheinlich.

Yoons phantom steht bei 324 toren

Yoons phantom steht bei 324 toren

Kyung-Shin Yoon warf 2000/01 324 Mal für SG Flensburg-Handewitt. Das waren 4,3 Treffer pro Spiel – bei 76 Partien. Gidsel bräuchte im Schnitt 10,8 Tore in den verbleibenden neun Spielen. Selbst für ihn ein Tempo, das selbst die eigene Kurve kaum glaubt.

Die Füchse haben noch Auswärtsspiele in Magdeburg und Kiel, zwei Festungen, in denen selbst Gidsel selten in zweistelliger Region landet. Dazu kommt das Pokal-Viertelfinale und mögliche Europapokal-Engagements. Belastung satt. Der Körper schreit irgendwann, und der rekordverdächtige Arm wird schwerer.

„Ich versuche jede Woche eine gute Leistung zu bringen, oft zweimal pro Woche“, sagt Gidsel. Der Satz klingt wie ein Eigentor gegen den eigenen Ehrgeiz. Denn zwischendurch stehen Spiele, in denen er lieber sieben Assists gibt als sieben Tore. Team vor Statistik – das ist die DNA der Füchse, und Gidsel trägt sie mit links.

Die 301 von grgic war nur der auftakt

Die 301 von grgic war nur der auftakt

Marko Grgic knackte im vergangenen Jahr als zweiter Spieler die 300er-Marke. Doch selbst er landete 23 Treffer unter Yoons Bestwert. Die Liga wird schneller, die Abwehrstrukturen intelligenter. Trotzdem: Gidsel ist der erste, der mit 227 Treffern vor dem finalen Sprint steht und trotzdem noch Luft nach oben hat – wenn da nicht dieses Verbot von der Punktlinie wäre.

Trainer Jaron Siewert weist nach jedem Spiel darauf hin, dass Gidsels Wert vor allem darin bestehe, „Räume zu erzeugen, nicht nur zu nutzen“. Deshalb steht Fabian Wiede an der Linie, während Gidsel aus sieben Metern Distanz zirkelt. Ein Luxus, der den Rekord blockiert.

Am Ende der Saison wird Gidsel vermutlich Torschützenkönig werden. Die Krone, ja. Aber die ewige Bestmarke? Bleibt in Flensburg, wo Yoons Name seit 23 Jahren an der Hallendecke schwingt. Gidsel wird weitermachen, Tore schießen, Spiele entscheiden. Aber den Phantomwert von 324 wird er nur dann einholen, wenn er irgendwann mal die Siebenmeter übernimmt. Und dafür müsste er erst mal den besten Werfer des Teams werden – was wiederum bedeutet, dass er nicht mehr der beste Feldspieler wäre. Ein Dilemma, das selbst den besten Linkshänder der Welt stoppt.