Rom fordert biologisches alter als neuen maßstab – und macht sport zur staatsfrage
Roms Cavalieri-Hotel bebt. 3.200 Ärzte, ein Gesundheitsminister und ein Federpräsident, der die Uhr des Sozialstaats neu stellen will. Maurizio Casasco eröffnet den 38. Kongress der italienischen Sportmedizin mit einer Bombe: „Die Biologie bestimmt, wann wir alt sind – nicht der Pass.“
Die lebenserweiternde stunde
Seine Rechnung ist simpel. Wer dreimal pro Woche trainiert, zieht Krebs, Diabetes und Demenz in die Länge. Die Folge: Die biologische Uhr tickt langsamer, die Rentenuhr aber noch immer mit 67. Casasco will das ändern. „Wenn wir drei Stunden täglich Leben hinzufügen, müssen wir auch drei Jahre später in Rente gehen dürfen“, sagt er und schiebt gegen die „statische Sozialarchitektur“.
Gesundheitsminister Orazio Schillaci nickt. Er kennt die Zahlen: 90 % aller Todesfälle in Italien gehen auf nicht-übertragbare Krankheiten zurück, ausgelöst von Bewegungsmangel und Übergewicht. „Ein Medikament gegen Fettleibigkeit gibt es nicht. Aber einen Barbell“, wirft Casasco ein – kostenlos, sofort verfügbar, Nebenwirkung: Lebenslust.

Ferrari-modell für das gesundheitssystem
Die Analogie ist sein Lieblingstrick. Ferrari entwickelt Bremsen für den Rennsport, montiert sie später in jedem Fiat 500. So soll die Sportmedizin arbeiten: Erkenntnisse vom Olymp direkt in die Praxen. Die FMSI, 1929 gegründet, ist laut Casasco die einzige wissenschaftliche Gesellschaft, die vom Gesundheitsministerium anerkannt ist. „Wir sind kein Fachverband, wir sind Entwicklungsabteilung des Staatskörpers.“
Sein Appell geht über Sport hinaus. Banken sollen Kredite an die Herz-Kreislauf-Fitness knüpfen, Rentenversicherungen an die Knochendichte. „Wer mit 70 noch 30 ist, soll auch 30 behandelt werden – steuerlich, versicherungstechnisch, gesellschaftlich.“
Der Applaus brandet auf. Dann kommt die Ernüchterung. Im Saal sitzen Ärzte, keine Parlamentarier. Casasco weiß: „Ohne Gesetze bleibt die Biologie ein Privathobby.“ Aber er hat seinen Fuß in die Tür gesetzt. Die Uhr tickt jetzt anders – und sie tickt laut.
