Clint malarchuks albtraum: 90 sekunden blut, 300 nähte und ein leben danach
Es dauert keine zwei Minuten, bis Clint Malarchuk am 22. März 1989 erkennt: „Heute sterbe ich.“ Ein Kufe trifft ihn am Hals, die Halsschlagader ist durchtrennt, das Blut spritzt meterweit über das Eis der Buffalo Memorial Auditorium. Die Bilder gehen um die Welt, werden in Notaufnahmen gezeigt, um jugendlichen Torhütern Angst zu machen – und sie verfolgen Malarchuk bis heute.
Der mann, der nicht fallen wollte
Jim Pizzutelli, Trainer und Vietnam-Veteran, erkennt sofort die Gefahr. Er rammt seine Handschuhe in die Wunde, drückt die Carotis zu, damit das Herz nicht weiter leer pumpt. „Ich hab in Vietnam gesehen, wie schnell ein Mensch verblutet“, sagt Pizzutelli später. „Da war kein Platz für Zögern.“ Die Zeit läuft. 90 Sekunden vergehen, bis der Rettungswagen eintrifft. Malarchuk verliert rund 1,5 Liter Blut – ein Drittel seines Volumens. Er bittet den Equipment-Manager, seiner Mutter zu sagen, dass er sie liebt. Dann wird er ins Buffalo General Hospital eingeliefert, wo 300 Stiche die Arterie wieder verschließen. Zehn Tage später steht er wieder auf dem Eis – weil er „nicht wie ein Feigling aussehen“ will. Die Fans jubeln, doch niemand ahnt, dass das eigentliche Drama gerade erst beginnt.

Als das phantom zurückkehrte
Fast 19 Jahre später, Februar 2008. Richard Zednik erleidet beim Spiel der Florida Panthers eine identische Verletzung. Die Fernsehbilder laufen in Endlosschleife, und plötzlich ist Malarchuk wieder da – auf dem Sofa, im Kopf, in Albträumen. Er beginnt zu trinken, nimmt Schlaftabletten, isoliert sich auf seiner Ranch in Nevada. Im Oktober schiebt er eine .22er-Kaliber-Waffe unter sein Kinn und drückt ab. Die Kugel bleibt im Schädel stecken, das Gehirn wird nicht getroffen. Er überlebt wieder. „Das zweite Mal war schlimmer“, sagt seine Frau Joanie. „Weil er sich selbst das Messer gezogen hatte.“

Vom patienten zum therapeuten
Heute sitzt Malarchuk, 62, in einem Büro in Reno, auf dem Schreibtock steht ein Holzbrett mit der Aufschrift „Keep the glove up“. Er ist zertifizierter Mentalcoach, arbeitet mit NHL-Goalies und mit Militärveteranen, die an PTBS leiden. „Ich erzähle ihnen, dass man mit Narben leben kann“, sagt er. „Aber man muss die Wunden ansehen, sonst faulen sie von innen.“ Die NHL führte nach dem Tod von Adam Johnson 2023 strengere Halschutz-Vorschriften ein – zu spät für Malarchuk, aber vielleicht rechtzeitig für die nächste Generation. Er selbst hat die Bilder seiner Verletzung nie wieder angesehen. „Ich brauch kein Video, um zu wissen, wie es ist, wenn das eigene Blut warm auf der Haut läuft.“
Malarchuks Statistik: zwei Mal fast gestorben, zwei Mal zurück. Die meisten kennen nur das erste Kapitel. Das zweite ist die Geschichte eines Mannes, der lernte, dass man nicht unverwundbar sein muss, um stark zu sein – nur ehrlich genug, um Hilfe zu suchen. Und das ist die wahre Lektion aus dem Blutbad von Buffalo.
