Ann-katrin berger: die unverwüstliche hält norwegen auf distanz
Stavanger – Vier Mal lag sie am Boden, vier Mal schüttelte sie sich, spuckte Blut aus dem Mundwinkel und stand wieder auf. Ann-Katrin Berger ist keine Torhüterin, sie ist eine Schutzwehr aus Fleisch und Knochen. 90 Minuten lang prügelte Norwegen auf sie ein, 90 Minuten lang hielt sie die deutsche Null. Die Zahlen sind ein Akt der Gewalt: sechs hochkarätige Chancen, zwei Schläbe, ein Ellbogen im Rippenbereich, ein Fremdkörper im Auge. Am Ende leuchtete eine 4:0-Siegesanzeige – und ein Gespräch mit dem ZDF, in dem Berger lachte, als hätte sie gerade nur einen Kaffee getrunken.
Die schmerztabelle ist ihr zweites statistikblatt
Julie Blakstad traf sie an der Hüfte, Elisabeth Terland rammte ihr Knie in die Wirbelsäule, Sjoeke Nüsken versetzte ihr versehentlich einen Stock des eigenen Schienbeins. Die deutschen Ärzte liefen so oft auf den Platz, dass der norwegische Kommentator schon vom „Berger-Effekt“ sprach: „Wenn sie fällt, steigt die Quote, dass Deutschland kontert.“ Tatsächlich: Nach jeder Behandlungspause wurde das deutsche Spiel schneller, Norwegen verlor die Ordnung, das 3:0 fiel in der 67. Minute – drei Minuten, nachdem Berger sich die Schulter wieder eingerenkt hatte.
Die 35-Jährige gibt keine Schmerzen zu, nur Zahlen. „Wir haben zu null gespielt, da geht es mir gut“, sagt sie und meint das ernst. Ihre Mitspielerinnen nennen sie intern „Kevlar“, weil Kugeln nicht durch sie durchkommen. Christian Wück, der Bundestrainer, schickt sie trotz des Debütanten-Experiments als erste in die Kabine: „Ohne Anne wäre das ein offenes Spiel geworden.“

Neue gesichter, alte sicherheit
Das Experiment lief. Jella Veit, Sarai Linder, Vivien Endemann – drei Namen, die vor zwei Monaten noch in U-20-Listen standen, bilden jetzt die Avantgarde einer Mannschaft, die Norwegen in Grund und Boden presste. Endemann lieferte zwei Tore und zwei Assists ab, stand aber auch weit rechts in der verbotenen Zone, als sie das mögliche 5:0 verstolperte. „Morgen schreibt sie rein“, flüsterte Berger ihr zu, „heute schreibst du schon mit dem Körper.“
Die Konstante hinter dem Umbruch ist Berger selbst. Seit 14 Jahren Nationalteam, zweimal Krebs, einmal Kreuzbandriss, null Rückzieher. Gegen Norwegen kam ihre 42. Länderspiel-Null – ein Rekord, den sie mit Silke Rottenberg teilt, aber nicht feiern will. „Silke hat 119 Spiele gemacht, ich 53. Die Rechnung geht noch nicht auf“, sagt sie und schaut schon nach vorne.

Die gruppenphase ist ein vorgeschmack auf das, was kommt
Mit neun Toren aus zwei Spielen führt Deutschland die WM-Qualifikation an, doch Berger schraubt die Latte höher. „Wir müssen 90 Minuten lang das Tempo halten, nicht nur 60.“ Das nächste Gegnerduell steht im Juni an: Island, das in Reykjavik selten ein Tor verschenkt. Für Berger ein idealer Prüfstein. „Wenn wir dort gewinnen, haben wir uns mental qualifiziert.“
Die Norweger-Zeitung Verdens Gang titelte nach dem Spiel: „Berger ist der Mauer, die wir nicht einreißen konnten.“ In Deutschland spricht man nach dem 4:0 von einem „Mauerblümchen“, das Dornen statt Blätter trägt. Ann-Katrin Berger lacht darüber, zieht sich das Trikot aus und zeigt die Prellungen wie Medaillen. Sie wird nicht gefeiert werden, sie wird weitermachen. Dafür ist sie gemacht.
