Milano 1907: vor der conca fallata begann alles – und rollt heute noch

Um 5.18 Uhr klingelte nicht ein Startpfiff, sondern das Geräusch von 33 Stahlrahmen auf Kopfsteinpflaster. Drei Minuten zuvor hatte der Wirt die letzten Gäste aus der Osteria della Conca Fallata geschoben, heute steht dort ein Café mit WLAN – und der Geist der Milano-Sanremo.

Der Frühling 1907 war ein Witz mit schlechtem Timing. Erst schneite es Ostern, dann schüttete es Wasser wie aus Eimern. Trotzdem versammelten sich „mehrere tausend“ – so die Gazzetta – vor der Nummer 113 in der via della Chiesa Rossa. 62 hatten sich gemeldet, 33 kamen zur 4.30 Uhr-Appell, weil keiner glaubte, dass der Giro di Lombardia-Clubs diese neue Monsteretappe wirklich durchziehen würde: 286 Kilometer, keine Asphaltdecke, nur Schotter, Staub und die Hoffnung, vor Mitternacht das Ligurische Meer zu riechen.

Der erste start war ein vertrauensbetrug

Der Sekretär zählte dreimal nach, stoppte die Uhr, zog die Daumen hoch – und schickte die Fahrer trotzdem los. Lucien Petit-Breton, der spätere zweifache Tour-Sieger, trug noch eine Wollmütze unter dem Helm; der Italiener Giovanni Gerbi, Spitzname „il Diavolo Rosso“, hatte sich mit einer Flasche Cognac eingedeckt. Die Erste, die das Ziel erreichte, war die Französin Aline Dugrand, die als Zuschauerin per Dampfschiff nach Sanremo reiste und dort wartete, bis ihre Kollegen 14 Stunden später eintrudelten.

Die Siegerzeit? 12 h 19 min. Die Durchschnittsgeschwindigkeit? 23,3 km/h. Heute lacht man, damals war das eine Revolution. Vor allem weil der Bahnverkehr auf der gleichen Strecke 22 Stunden brauchte und ein Ticket mehr kostete als der Startgeld-Fünfer, den jeder Radprofi hinblätterte.

Die Conca Fallata existiert noch, nur heißt sie „Trattoria“ und serviert Avocado-Toast statt Polenta. Die Kellner kennen die Geschichte auswendig, zeigen auf das alte Foto an der Wand: 33 Männer mit Schnurrbart, ein Schriftzug „Partenza 1ª Milano-Sanremo“. Wer will, kann dort mieten: Rennrad, GPS-Track, Espresso. Dann rollt man die gleiche Strecke runter zum Naviglio, vorbei an den Maislagern, wo früher die Zuschauer auf Kisten standen, heute stehen Jogger mit Smartwatch.

Die pflastersteine haben sich nicht gemeldet, sie warten

Die pflastersteine haben sich nicht gemeldet, sie warten

Der Schotter von 1907 ist längst asphaltiert, doch an manchen Kurven bröckelt noch Originalstein. Wer genau hinsieht, entdeckt zwischen den Reifenstreifen schwarze Streifen – Gummi von tausenden Rädern, die seit 117 Jahren dieselbe Linie fahren. Die Strecke selbst wurde nur zweimal umgeleitet: 1915 wegen Kriegsgefechte, 2020 wegen Lockdown. Beide Male kehrte man zurück, weil der Mythos lauter schreit als die Logistik.

Die Uhr an der Fassade der Conca Fallata ist stehengeblieben – auf 5.18. Die Besitzer behaupten, sie sei absichtlich kaputt gemacht worden. Touristen fotografieren sich davor, posten „#msr1907“, glauben, sie hätten den Zeitpunkt der Rad-Geburt geknippst. Dabei ist der echte Zeitpunkt längst flüchtig geworden: Er liegt in den Waden derer, die heute noch vor Sonnenaufgang losfahren, um sich selbst zu beweisen, dass 286 km keine Zahl, sondern ein Gefühl sind.

Am 23. März dieses Jahres startet die 115. Auflage. Die Favoriten trainieren auf Rollen in Dubai, die Datenanalysten rechnen mit Windvektoren, doch irgendwo zwischen Pavia und Voltri wird wieder ein Hinterrad ausbrechen, weil der Fahrer plötzlich spürt: Hier, auf diesem Fleck Asphalt, traten Gerbi und Petit-Breton noch in die Pedale. Die Spur ist nicht sichtbar, aber spürbar. Und wer an der Conca Fallata vorbeikommt, hört das leise Klappern von 33 Ketten, das nie verstummt.