Istanbul-trauma: gygax enthüllt die "schande" im rückblick
Vor 20 Jahren erlebte die Schweizer Nationalmannschaft eine Nacht, die für immer in der Fussballgeschichte verewigt bleiben wird – und das nicht im positiven Sinne. Daniel Gygax, ehemaliger Nati-Spieler und heutiger U-21-Trainer des FC Thun, schilderte im Podcast "Storytime – Hinter den Kulissen des Fussballs" die dramatischen Ereignisse in Istanbul nach dem WM-Playoff-Rückspiel gegen die Türkei.

Ein ritt durch die türkische hölle – und mehr
Der Weg zur WM 2006 in Deutschland verlief für die Schweiz holprig, aber letztlich erfolgreich. Das Hinspiel gegen die Türkei wurde in Bern mit 2:0 gewonnen, doch das Rückspiel in Istanbul sollte sich als Albtraum erweisen. Zwar reichte eine 2:4-Niederlage aufgrund der damaligen Auswärtstorregel zur Qualifikation aus, doch die Ereignisse nach dem Schlusspfiff überschatteten alles Sportliche.
Gygax erinnert sich an eine Atmosphäre des Misstrauens, bereits vor dem Spiel gewarnt von türkischen Freunden, die ihm sagten, "was in Bern passiert ist, ist nicht sehr cool, vor allem nicht für euch. Ich würde mich anschnallen." Die Vorbereitungen waren alles andere als ideal: Gepäck kam verspätet an, Trainingsplätze wurden unpassend gewählt, und im Hotel mussten sogar die Telefone über Nacht ausgesteckt werden, da Anrufe nicht aufhörten.
Die "Schande von Istanbul" – ein Begriff, der bis heute für die Eskalation nach dem Spiel steht. Nach dem Abpfiff mussten die Schweizer Spieler in die Katakomben flüchten, um sich vor Gegenständen zu schützen, die von türkischen Fans auf das Spielfeld geworfen wurden. Es kam zu Angriffen von Sicherheitskräften und türkischen Ersatzspielern auf die Schweizer Mannschaft; Stephane Grichting wurde gar verletzt ins Krankenhaus gebracht, Torwarttrainer Erich Burgener erlitt eine Augenverletzung durch einen Wurfgegenstand.
Auslöser der Tumulte war der damalige türkische Co-Trainer Mehmed Özdilek, der versuchte, einem Schweizer das Bein zu stellen. Benjamin Huggel reagierte darauf mit einem Tritt gegen Özdileks Oberschenkel, was zu weiteren Spannungen führte. Huggel wurde daraufhin für sechs Länderspiele gesperrt, und die Türkei erhielt eine Geldstrafe sowie eine Sperre für Heimspiele.
Gygax beschreibt die Atmosphäre im Stadion als überwältigend: "Es waren 50.000 Fans im Stadion, aber es hat sich angefühlt wie 200.000." Die Nationalhymne war kaum zu hören, und die Spieler waren ständig in höchster Alarmbereitschaft. "Was wäre passiert, wenn wir auf dem Feld geblieben wären?" – diese Frage hallt bis heute in den Köpfen der damaligen Nati-Spieler nach.
Trotz der traumatischen Erfahrungen blickt Gygax heute mit einem gewissen Stolz auf diese Zeit zurück. "Es war ein geiles Erlebnis, all diesen Hürden zu trotzen und sich für die WM zu qualifizieren." Die Qualifikation für die WM 2006 legte den Grundstein für eine bemerkenswerte Serie, in der die Schweiz zu einer der wenigen europäischen Nationen gehörte, die an allen folgenden Weltmeisterschaften teilnahmen. Ein Triumph, der in der türkischen Hölle geschmiedet wurde.
