Carmine castellano ist tot: der mann, der den giro erfand, starbt mit 89

Er schickte die Fahrer auf Schotterpisten und über 20-Prozent-Rampe, damit Italien aufhöre, das Rad zu schaukeln. Nun ist Carmine „Elo“ Castellano in Mailin stillgeworden – 89 Jahre, ein halbes Jahrhundert nachdem er Vincenzo Torriani erstmals die Hand reichte.

Der anwalt, der aus dem giro ein welt-epos machte

Castellano war kein Radsportler. Er war Jurist, Neapel, Stimme wie Ziegelstein auf Marmor. 1974 organisierte er als Präsident des Velo Club Sant’Agnello eine Amateur-Meisterschaft, Torriani lud ihn ein, die Etappe Potenza–Sorrento zu betreuen. Keiner ahnte, dass dieser Tag das Drehbuch der Rosa Corsa neu schreiben würde.

Ab 1989 lenkte er faktisch das Rennen, offiziell ab 1993 bis 2005. Er führte ein, was die Italiener il patrimonio del Giro nennen: Mortirolo 1990, Colle delle Finestre 2005, Zoncolan 2003. Drei Monster, die den Tourismus in Valtellina, Piemont und Friaul um 30 Prozent nach oben schraubten und heute noch Hotels füllen, wenn die Karawane rollt.

Sein Konzept war simpel: „Wenn die Beine brennen, schaltet keiner um.“ Deshalb jagte er Pantani 1994 über die Aprica, ließ Indurain 1993 in den Dolomiten zittern und setzte 1996 den Start nach Athen – ein Medien-Coup, der die RAI-Quoten auf 42 % katapultierte und die Fininvest fünf Jahre lang die TV-Rechte kosten ließ.

Die 125-rad-mutprobe von 1998

Die 125-rad-mutprobe von 1998

Kritiker nannten ihn Il censore. 1998 stoppte er die komplette Tirreno-Adriatico-Flotte, weil 125 Profis beim Protest-Ausflug die Zeitlimite sprengten. Nur 47 durften weiterfahren. Castellano: „Regeln gelten auch für Helden.“ Die Szene ging um den Globus – und machte klar: Doping oder Spielchen, bei ihm gab es keine Gnade.

Die größte eigene Niederlage trug Pink. 1999, Madonna di Campiglio, Pantani mit 52 % Hämatokrit. Castellano unterschrieb die Disqualifikation, schwor nie wieder mit dem Romagnolo zu sprechen. Bis heute gilt in seiner Heimat Sant’Agnello das Gerücht, er habe das Buch Tutto il rosa della mia vita nur deshalb geschrieben, um jene Seite zu flicken.

Sein Nachfolger Mauro Vegni baut weiter auf Castellanos Karte. Die diesjährige Cima Coppi wird wieder den Finestre-Schotter erklimmen – ein Echo des Mannes, der Italien lehrte, dass Radfahren mehr ist als ein Sprint auf der Via Roma.

Castellano hinterlässt zwei Töchter, eine verschlossene Schreibtischlade voller Etappenprofile – und ein Land, das jeden Mai seine Steilungen anstarrt und sich fragt, wie ein Anwalt aus Kampanien die Alpen neu erfand.