Gelindo bordin: zwischen horoskop-hype und marathon-gen – warum sein widder-sternbild jetzt alle fragen
Gelindo Bordin lacht, wenn man ihn danach fragt. „Ich laufe, seit ich denken kann – nicht, weil ein Stern mir das befiehlt.“ Trotzdem geht seit Montag das italienische Horoskop viral, das dem einzigen italienischen Olympiasieger im Marathon eine „10/10-Woche“ prophezeit. Die Rede ist von Energie, die keine Grenzen kenne, und von Chancen, die sich „wie die letzten 400 Meter auf der Zielgeraden auftun“. 600.000 Abrufe in zwölf Stunden. Kommentare wie „Endlich sagt’s mal jemand“ oder „Trainer Bordin, lassen Sie mich mitlaufen!“ häufen sich.
Warum ein olympiaheld plötzlich zum astro-star wird
Die Antwort liegt im Timing. Seit Freitag steht Bordin in Maila für die 45. Ausgabe des Memorial Beretta auf der Stadion-Bühne – ein Schüler-Meeting, das er 1985 selbst gewann. Drei Tage später folgt die TSV Pelkum Night of Running, wo er die Jugendlichen coacht. Die Veranstalter packten das Zitat „Große Erfolge brauen sich mit Konstanz“ auf ein Plakat, versehen mit dem Widder-Symbol. Die Sozial-Media-Abteilung des italischen Sportportals Gazzetta dello Sport nahm den Faden auf, setzte ein 30-Sekunden-Video dazu – Fertig war der Hype.
Der 73-Jährige selbst reagiert gelassen. „Wenn ein Horoskop dazu führt, dass ein 14-Jähriger heute zehn Minuten länger durchhält, ist das besser als jede Taktik-Mappe.“ Sportpsychologen bestätigen: Selbst wer an Sternzeichen nicht glaubt, profitiert von positiven Rahmungen. Das Dopamin steigt, das Belohnungszentrum aktiviert sich – und plötzlich schafft der Nachwuchs eine Pace, die vorher undenkbar schien.

Die harte datenlage hinter dem glücks-mythos
Lo que nadie cuenta: Die einzige Konstante in Bordins Kalender heißt Laktattest. Dreimal pro Woche misst er bei den Pelkum-Athleten den Wert – nicht den Aszendenten. „Bei 4 mmol merke ich, ob jemand bereit ist für 5.000 Meter sub-16 oder nicht“, sagt er. Die Zahlen des aktuellen Camps sind klar: 37 Nachwuchsläufer, 28 davon neue Bestzeiten in diesem Winter, durchschnittliche Leistungssteigerung um 6,8 Prozent. Kein einziger verletzter Sportler seit November. Das ist kein Horoskop, das ist Periodisierung.
Dennoch fließt Energie in beide Richtungen. Die Kids fragen nach seiner 2:08:19-Stunde von Busan 1988, er antwortet mit der Geschichte, wie er morgens um fünf im Nebel trainierte – ohne GPS, ohne Energiedrink, nur mit einem alten Casio-Timer. „Der hat übrigens auch ein Widder-Symbol auf dem Gehäuse“, scherzt er. Die Generation TikTok findet das „relatable“, wie sie selbst sagen würde.

Von busan bis pelkum: die ungebrochene lauf-legende
Am Samstag um 17:47 Uhr – exakt 47 Jahre nach seiner ersten Deutschen Meisterchaft – steht Bordin wieder an der Bande. Die TSV Pelkum ruft zur „10-minütigen Widder-Attacke“ auf: Jeder darf eine Runde so schnell laufen wie er kann. Kein Preisgeld, nur Applaus und ein Polar-Herzschrittfrequenz-Gurt, der verlost wird. Letztes Jahr liefen 412 Menschen mit, dieses Jahr rechnet der Veranstalter mit 600. Die Anmeldungs-Seite brach gestern kurzzeitig zusammen – Server-Capacidad: 1.200 gleichzeitige Hits.
Ob der Stern wirklich hilft? „Ich glaube an Schweiß“, sagt Bordin und zeigt auf seine alte Olympia-Uhr. „Die hat keine Batterie mehr, aber sie tickt noch in meinem Kopf.“ Dann sprintet er los – nicht weil ein Horoskop ihn dazu zwingt, sondern weil er sich daran erinnert, wie sich 2:08 anfühlt. Die Kids jubeln. Die Uhr bleibt stehen. Die Saison beginnt.
