Atle lie mcgrath krönt sich in lillehammer zum slalom-könig
24 Stunden nach Lucas Braathens Super-G-Triumph schlägt Norwegen erneut zu. Atle Lie McGrath fährt im Slalom-Finale von Lillehammer die kleine Kristallkugel nach Hause und vollendet das Oslo-Double, das sich kein Drehbuchautor ausdenken würde.
Die befreiung nach peking
McGrath tritt ans Starttor, und schon rauscht Olympia wieder durch seinen Kopf. Die verpatzte Peking-Entscheidung, die Frage, ob er überhaupt noch einmal die Latte berühren soll. Dann kommt der erste Durchgang: er liegt 0,13 Sekunden zurück. „Die letzten drei Stunden waren brutal“, sagt er später, die Stimme zittert, „ich musste mit mir selbst verhandeln.“ Im zweiten Lauf wirft er alles hin, was an Selbstzweifeln kleben blieb – 55 Hundertstel Vorsprung, Saison entschieden. Was folgt, ist kein Jubel, sondern ein Schluchzen in die Kamera von SRF.
Im Zielraum wartet Lucas Braathen. Die beiden kennen sich seit Zwölf, trainieren im gleichen Verein am Osloer Holmenkollen, teilten sich schon als Kids die Schneepisten. Jett stehen sie da, jeder eine Kristallkugel unterm Arm. „Wir kommen vom gleichen kleinen Hügel und gewinnen in der gleichen Saison die Kugeln – das ist einfach nur sick“, lacht McGrath, und man spürt, wie sehr er das Wort braucht, um nicht wieder loszuheulen.

Die zahlen hinter dem wunder
McGrath holt in 22 Slalomrennen seine fünfte Saison-Sieg. Die Kugel sichert ihm 50.000 Schweizer Franken Prämie – Peanuts gegenüber dem Image-Gewinn. Denn seit Kjetil André Aamodt ist kein Norweger mehr Slalom-Weltcup-Sieger. 19 Jahre später schlägt ein 24-Jähriger zurück, der sich selbst als „head case“ bezeichnete und jetzt die beste Kopfarbeit der Saison liefert.
Die Skandinavier dominierten die Speed-Disziplinen Jahrzehnte lang. Mit Braathen und McGrath besetzen sie nun auch die technischen Thronen. Die Verbindung Oslo-Klub produzierte in einer Saison zwei Kugeln – das dürfte Rekordbuch-Niveau haben. Der norwegische Skiverband spricht bereits von „Project 2027“, einem Nachwuchsplan, der weitere McGraths und Braathens schmieden soll.
Was bleibt, ist das Bild zweier Freunde, die sich in Lillehammer in den Armen liegen und wissen: Diese Saison war mehr als Sport. Sie war Therapie. Und sie ist erst der Anfang.
