Mcgrath krallt sich slalom-kugel – und trägt braathen auf den händen

Atle Lie McGrath spürte die Hitze der Fackeln hinter sich, hörte das Drohnen der Menge und wusste: Jetzt oder nie. Mit 0,12 Sekunden Vorsprung vor Henrik Kristoffersen riss er im Ziel von Lillehammer die Arme hoch – und die Kristallkugel fest im Griff. Der 24-Jährige sichert sich damit die kleine Weltcup-Kugel im Slalom, kurz nachdem Lucas Braathen die Große abgestaubt hatte. Oslo-Skiclub, zwei Kugeln, ein Abend – das ist norwegische Skigeschichte live.

Die quälenden drei stunden, die alles veränderten

„Brutal“ war das Wort, das McGrath immer wieder fallen ließ, während er vor dem SRF-Mikrofon die Zitterpartie rekapitulierte. Zwischen erstem und zweitem Lauf hatte er 180 Minuten lang mit den Geistern von Peking gerungen. Die Olympischen Spiele hatten ihn mental zerschunden, die Slalom-Kugel war deshalb mehr als ein Stück Glas – sie war seine Aufarbeitung. „Ich musste mit mir selbst verhandeln, mit meinem Kopf“, sagt er und klingt dabei, als hätte er sich gerade aus einem dunklen Zimmer befreit.

Die Zahlen sprechen trotzdem Sport: 1:39,72 Minuten im Finale, zwei Hundertstel schneller als Kristoffersen, 70 Punkte Vorsprung in der Slalom-Wertung. Doch hinter jeder Zahl steckt ein Gedankenkarussell. McGrath erzählt, dass er nach dem ersten Lauf nicht einmal sein Handy anguckte, um nicht die Zwischenstände zu sehen. Stattdessen schloss er die Augen und stellte sich die Ideallinie vor – 55 Mal, sagt er, habe er die Kurven abrollen lassen, bis sie glatt wie Frischwachs waren.

Oslo-connection: zwei jungs, eine kindheits-piste, zwei kugeln

Oslo-connection: zwei jungs, eine kindheits-piste, zwei kugeln

Im Zielraum dann die Szene, die selbst die schwedischen Kollegen stocken ließ: McGrath sucht Braathen, sieht ihn, rennt, springt, landet in einer Umarmung, die die Kameras nicht mehr auseinander bekommen. Beide stammen vom Sameiet Skiklubb Oslo, trainierten auf dem Hügel hinter der Schule, teilten sich T-Shirts und später Träume. „Wir sind mit zwölf auf dieselben Bretter gestiegen, und jetzt halten wir in derselben Saison zwei Kugeln“, lacht McGrath, während Braathen die Mütze ins Publikum schleudert. Der eine bekommt die Disziplinen-Wertung, der andere die Gesamtwertung – das gab es in Norwegen noch nie.

Die Ironie: Vor einem Jahr wusste niemand, ob McGrath überhaupt wieder auf Ski stehen würde. Der Kreuzbandriss im Februar 2022 warf ihn zurück, die Peking-Pleite nagte an seinem Selbstbild. Die Slalom-Kugel ist deshalb kein Gimmick, sondern ein Pensum. „Ich habe mir selbst bewiesen, dass ich nicht nur fahren kann, sondern gewinnen kann“, sagt er und klingt dabei fast überrascht.

Was bleibt? 165 Weltcup-Punkte in der Slalomwertung, Rang zwei hinter Braathen in der Gesamtwertung – und ein Foto, das die beiden vor dem Clubhaus in Oslo zeigt, zwölf Jahre alt, die Kugeln damals aus Pappmaché, heute aus Kristall. McGrath wird sie nach Hause bringen, neben die alten Pokale stellen und dann erst einmal die Ski gegen ein Surfboard tauschen. Die Saison ist vorbei, die Geschichte gerade erst angefangen.