Toshacks gedächtnis löscht die gegenwart – die 70er bleiben

John Toshack verliert das Morgengespräch, nicht aber das 3:0 gegen Milan. Der walisische Ex-Stürmer und Real-Madrid-Meistertrainer leidet an Demenz, wie sein Sohn Cameron jetzt der Daily Mail offenbarte. Die Kurzzeitgedächtnisseite seines Gehirns löscht Stunden, während die Karriere-Mappe glänzt wie neu.

Alltag verpufft, taktik bleibt greifbar

Alltag verpufft, taktik bleibt greifbar

Cameron telefoniert fast täglich mit seinem Vater. Am Nachmittag weiß der 77-Jährige nicht, dass sie sich schon morgens verabredet haben. „Es ist eine schreckliche Krankheit“, sagt der Sohn. Doch fragt man nach der Saison 1989/90, schießt Toshack sofort los: wie er bei Real Madrid die Mittelfeldlinie verschob, um Marco van Basten zu entzaubern. Details, selbst die Uhrzeit des Trainings, sitzen.

Für Liverpool erzielte er nahezu 100 Treffer, bildete mit Kevin Keegan das gefürchtete Sturmduo der 70er und holte Meistertitel. 40 Länderspiele für Wales, anschließend eine wildreiche Trainer-Karriere: Copa del Rey mit Real Sociedad, La-Liga-Krone mit Real Madrid, danach Jobs in Frankreich, Türkei, Marokko, Aserbaidschan, Italien. Die Erinnerungen daran sind stabil eingefroren, das Kurzzeitgedächtnis schmilttag für Tag.

Die Ironie ist kaum zu ertragen: Ein Mann, der sein Leben lang Spielpläne studierte, verliert nun die nächste Seite des eigenen Tages. Die Zahlen bleiben: 275 Einsätze, 96 Tore für Liverpool. Die Geschichten bleiben. Nur die Gegenwart rutscht weg.