Gattusos letzte mission: ein ganzes land wartet auf den wm-traum

Rino, hör auf die Stimme von Italo. Der ist 16, hat noch kein einziges Italien-Tor auf WM-Boden gesehen und droht, volljährig zu werden, ohne je «po-po-po» gesungen zu haben. Für ihn ist 2006 keine Erinnerung, sondern ein Märchen, das der Vater vorliest, wenn das Nachtlicht flackert.

Ein jahrzehnt ohne weltmeisterschaft

Die Zahlen sind hart: 4.380 Tage ist es her, dass sich das Azzurri-Trikot im Rund der besten 32 zeigte. Damals war Italo vier, heute macht er den Führerschein – und fragt sich, ob er statt Totti und Rossi nur noch Trajkovski und den «saccheggio» von San Siro in den Geschichtsbüchern findet.

Garlando schreibt den offenen Brief, den Gattuso in der Kabine lesen soll. Keine Taktik, keine Motivationsfolter, sondern eine simple Erkenntnis: Junge Herzen wachsen mit dem Mond, nicht mit der Nations League.

Die Europameisterschaft war schön, klar. Aber Europa ist nur ein Fünftel der Erde. Italo will den Blick über den Ozean, die 3-Uhr-Nächte, in denen sich ein Kontinent in Tränen auflöst oder jubelt – so wie sein Vater vom 34. Minute-Tor von Baggio erzählt, als wäre es gestern gewesen.

Das stadion ist leer, wenn die zukunft fehlt

Das stadion ist leer, wenn die zukunft fehlt

Was bleibt, wenn die eigene Generation nie das Lied vom «campioni del mondo» mitsingt? Ein leeres Album, Panini-Sticker ohne Erinnerungswert, ein Vater, der irgendwann aufhört, von Pablito zu erzählen, weil der Sohn nur müde lächelt.

Gattuso muss das nicht rhetorisch ausschmücken. Er braucht keine Rede, die wie ein Pokal klingt. Er muss nur die Jungs blicken lassen auf Italos WhatsApp-Status: »Mondiale o busto« – und dann die Tür zum Flur aufreißen, wo 1994 noch der Schatten von Roberto Baggio steht.

Die Uhr tickt. In zwölf Monaten kann Italo wählen, aber er will wählen, nachdem er geweint hat – im Stadion, nicht vor der PlayStation. Die letzte Gruppe ist keine Tabelle, sondern eine Geburtsurkunde für ein neues Italien.

Gattuso, lass ihn nicht mit der Erinnerung von anderen Leben. Sonst wird irgendwann ein Geschichtslehrer fragen: «Wer erinnert sich an 2006?» – und keiner hebt die Hand.