Gattusos alptraum: italien versinkt in zenica – wm-traum zerstört

Zenica – Ein kalter Wind weht durch Bilino Polje, und Gennaro Gattuso wirkt wie ein Mann, der soeben seinen Schatten verloren hat. Italien ist raus. Nicht Moskau, nicht Katar – diesmal fehlen die Azzurri im Amerika-Trippel Kanada/USA/Mexiko. Bosnien verwandelt vier Elfmeter, Italien nur zwei, und plötzlich steht die viertstärkste Fußballnation der Welt vor dem Nichts.

Die Balkan-Fans toben noch auf dem Rasen, als Gattuso die Pressebar betritt. Seine Augen sind gerötet, die Stimme ein Krächzen. „Die Jungs haben das nicht verdient. Zehn gegen elf, drei Großchancen – das ist Fußball, verdammt“, sagt er und schlägt die Hand aufs Pult. Es klingt, als wolle er das Unabänderliche aus dem Boden stampfen.

Die zahlen lügen nicht: dritte wm-amputation in serie

2018 war es die Play-off-Pleite gegen Schweden, 2022 patzte man gegen Nordmazedonien, und jetzt dies: ein K.-o. in Zenica. Dreimal nacheinander schaut Italien von außen zu, während andere das große Fest feiern. Die Statistik ist gnadenlos: seit 1958 hat kein Team so oft gefehlt – außer den Azzurri.

Gattuso, seit Sommer 2023 für den Neuanfang verpflichtet, wollte über seinen Job nicht sprechen. „Heute zählt nur, dass wir nicht dabei sind“, fauchte er. Der Kalabrier hatte die Truppe auf Umbruch getrimmt: weniger Ballbesitz, mehr Gegenpressing, junbe Beine statt alter Stars. In der Quali lief es bravourös, aber die Endrunde-Endrunde ist ein anderes Kapitel.

Die Bosnier feiern sich als „Riesenkiller“. Ihr Trainer, Ivica Barbarić, küsst das Wappen auf dem Pullover – so als wäre dieses Spiel ein Staatsstreich gegen die Tradition. Für sie beginnt jetzt die Planung: Gruppengegner studieren, Visa beantragen, Fan-Camps buchen. Für Italien bleibt nur die Leere.

Ein system ohne tor-killer

Ein system ohne tor-killer

Was blieb von 120 Minuten plus Elfmeterschießen? Ein Schuss pro fünf Minuten, aber keiner landete im Netz. Berardi verzog, Raspadori scheiterte an Begović, nur Tonali traf. Die Tabelle der Big Chances zeigt: 1,9 xG, aber eben null Tore. Wer so wirft, fliegt – das ist die harte Regel des Turniers.

Und die Serie geht weiter: Kein italienischer Spieler hat bei einer WM-Endrunde seit 2014 mehr als einen Treffer erzielt. Das ist kein Fluch, das ist eine Strukturkrise. Die beste Liga der Welt liefert keine Killer mehr, sondern Taktik-Roboter. Gattuso wird das bei der Analyse brennen sehen.

Die Nacht in Zenica ist endlos. Die Lichter am Stadionrand flackern, als wollten sie die Schmach ausradieren. Doch die Bilder bleiben: Gattuso, der mit zitternder Stimme „Mi dispiace“ murmelt, und die Azzurri, die sich vor ihren Fans verbeugen – ohne Zielort, ohne Trost. Der Countdown für 2027 beginnt jetzt, aber das ist eine andere Geschichte. Für dieses Mal gilt: Der Fußball hat wieder einmal bewiesen, dass er kein Gramm Gnade kennt.