Gattuso-nachfolge: ventura warnt vor panikkäufen und fordert basis-neubau!
Der italienische Fußball steht am Scheideweg. Nach dem erneuten Verpassen der WM-Qualifikation herrscht fieberhafte Suche nach einem Nachfolger für Gian Piero Gattuso. Doch Ex-Nationaltrainer Giampiero Ventura mahnt zur Ruhe und spricht deutliche Worte, die weitreichende Konsequenzen haben könnten. Er sieht die Probleme tiefer verwurzelt als nur in der Qualität des aktuellen Kaders oder der Trainerauswahl.
Die ursachen liegen im system, nicht nur am trainer
Ventura, Gast bei „Radio Anch’io Sport“, nimmt die Kritik von den aktuellen Verantwortlichen ab und betont, dass das Problem nicht bei Gattuso oder dem Verbandspräsidenten liegt. „Es ist eine Frage der Kultur, des Systems“, erklärt er. „Wir tun immer so, als wäre alles in Ordnung, aber die Ergebnisse sprechen für sich. Nach 2006 sind wir bei WM 2010 und 2014 früh ausgeschieden, haben danach drei WM-Turniere verpasst und die letzte EM war eine Katastrophe.“
Er erinnert an die bittere WM-Qualifikation gegen Schweden im Jahr 2017, bei der Italien als Gruppenerster scheiterte. „Wir wurden von Schweden ausgeschaltet, das später Fünfter bei der WM wurde. Es war ein persönlicher Angriff, man brauchte einen Sündenbock. Das hat meine Entscheidung, mich zurückzuziehen, beeinflusst.“ Ventura spricht offen über die „Gewalt“ und die „grundlose Kritik“, die er erfahren habe.

Die nächste generation muss herangezogen werden
Ventura weist darauf hin, dass die aktuelle Situation keine neue ist. „Wir reden und erklären immer wieder, aber die strukturellen Probleme bleiben bestehen. Es braucht das Eingreifen der Regierung, nicht nur des Verbands.“ Er verweist auf seine eigenen Vorschläge, die er bereits 2017 zusammen mit Silvio Baggio erarbeitet hatte, um den italienischen Fußball neu aufzubauen. Diese beinhalteten den Fokus auf junge Talente.
„Man muss die Fundamente legen, bevor man das Dach baut“, betont Ventura. Er erinnert an die Zeiten, als junge Spieler stundenlang auf der Straße oder im Verein trainierten. „Wenn diese Räume nicht mehr existieren, weil sich die Gesellschaft verändert hat, müssen wir sie neu schaffen. In den Jugendzentren brauchen wir qualifizierte und gut bezahlte Trainer-Erzieher, die nicht nur auf Turniersiege, sondern auf die Entwicklung der Spieler Wert legen.“
Er nennt Beispiele wie Gianluca Vergara vom SSC Neapel, der aufgrund zahlreicher Verletzungen im Profibereich kaum Einsatzzeit erhielt, obwohl er das Potenzial hätte. Ebenso kritisiert er, dass Talentierte wie Giuseppe Pisilli zu wenig Chancen erhalten hätten.

Fehlende kontinuität und individuelle ziele
Ventura bemängelt zudem, dass der Fokus in den Jugendabteilungen oft auf individuellen Zielen und dem schnellen Aufstieg der Trainer liegt, anstatt auf der langfristigen Entwicklung der Talente. „Man muss die Art und Weise, wie wir trainieren und uns präsentieren, ändern.“
Er weist darauf hin, dass er selbst keine Lust hätte, die „brennende Kartoffel“ Nationalmannschaft zu übernehmen, weder damals noch heute. „Es gibt objektive Schwierigkeiten, mit denen jeder Trainer konfrontiert sein wird. Die nächste EM? Das ist das Letzte Problem. Wenn der Trainer nicht in die Lage versetzt wird, optimal zu arbeiten, wird er immer in diesem schwierigen Umfeld agieren.“
Die goldene Generation von 2006, so Ventura, war eine Ausnahme. „Wir haben damals gewonnen, weil wir eine Generation von Phänomenen hatten. Das haben wir heute nicht. Wir müssen zuerst die Voraussetzungen schaffen, damit ein Trainer radikal eingreifen kann.“
Ventura schließt mit einem Appell: Es geht nicht darum, einen neuen Trainer zu finden, sondern darum, die Grundlagen für eine nachhaltige Entwicklung des italienischen Fußballs zu schaffen.
