Gattuso zittert trotz 2:0 – italiens wm-traum hängt an einem seidenfaden
Die Azzurri haben gewonnen, doch niemand in Turin traut sich zu jubeln. Nordirland liegt am Boden, die Tifosi atmen kurz durch – und schon geht der Albtraum weiter. Denn wer die letzte WM verpasst hat, weiß: Ein einziger Schuss von Edin Dzeko kann zwölf Jahre Leid in eine neue Ewigkeit verwandeln.
Ein sieg, der niemanden glücklich macht
Sandro Tonali donnerte den Ball in der 56. Minute so unters Unternehmen, dass selbst der kälteste Schott in Belfast spüren musste: Italien ist noch am Leben. Doch Gennaro Gattuso riss sich nach dem Abpfiff nicht einmal die Krawatte herunter. Stattdessen diese Worte: „Wir haben bloß eine Halbzeit überlebt.“ Die andere folgt am Dienstag in Zenica, wo Bosnien wartet – und mit ihm die Geschichte, die sich Italiens Fußball seit 2006 anhängt: Kein K.o.-Spiel bei einer WM seit dem Berliner Sommer, kein WM-Ticket seit dem russischen, aber dafür zwei Playoff-GAUs in Folge.
Die Zahlen sind mörderisch: 2017 schoss Sweden herein, 2022 egalisierte North Macedonia. Beide Male brach eine Nation in Tränen aus, beide Male war der Weltmeister von 2006 plötzlich Zuschauer. Der Teufelskreis droht sich zu wiederholen. Die Gazzetta dello Sport spricht offen vom „Endspiel der Schande“, weil klar ist: Verliert Italien erneut den letzten Schritt, wird der Ruf nach einem Systemwechsel nicht mehr zu überhören sein.

Spielverlauf und helden ohne happy-end
Die Statistik lügt nicht: Italien dominierte Ballbesitz (71 %), schoss 17 Mal, traf zweimal – und dennoch wirkte die Squadra Azzurra wie ein Boxer, der nach der neunten Runde noch auf die Punktur hofft. Tonali traf, Mateo Retegui legte nach. Doch zwischen den Toren hätte Josh Magennis beinahe den Ausgleich erzielt, und Gianluigi Donnarumma musste in der 78. Minute mit den Fingerspitzen retten. Kurz: Es war kein Erfolg, es war ein Befreiungsschlag – mit offenem Visier nach vorn.
Gattuso wusste das zu schätzen. „Wir haben gezeigt, dass wir leiden können“, sagte er und klang dabei wie ein Mann, der sich selbst in den Schatten boxt. Denn der ehemalige Kampfschlitten von Milan weiß: Leiden reicht nicht, wenn Dzeko aufläuft. Der 39-jährige Schalker hat in den letzten fünf Länderspielen vier Tore erzielt, zwei davon per Kopf – und Italien kassierte in dieser Qualifikation bereits sieben Kopfballgegentore, mehr als jeder andere Top-Nation-Europas.

Die gruppe der möglichen albträume
Sollte Italien tatsächlich die Reise nach Zenica überstehen, wartet in Gruppe B nicht gerade ein Sektempfang: Gastgeber Kanada mit Alphonso Davies’ Turbo-Dribblings, die Schweiz mit ihrer berüchtigten 3-4-3-Pressing-Falle und Katar, der sich als Confed-Cup-Sieger von 2019 durchaus Selbstvertrauen holt. Die FIFA-Vergabe mag auf dem Papier machbar erscheinen, doch wer die letzten beiden Turniere verfolgte, weiß: Italien scheitert nicht an Brasilien, sondern an sich selbst.
Und so steht da am Dienstag mehr auf dem Spiel als nur ein Ticket. Es geht um die Zukunft eines ganzen Verbandes, um die Glaubwürdigkeit einer Generation, die mit Jorginho, Barella und Chiesa eigentlich reif ist für den Weltgipfel. Verpasst sie ihn zum dritten Mal, wird der Ruf nach einem kompletten Schnitt laut. Dann nämlich wäre Italien das erste Land seit Mexiko 1982-1994, das drei Weltmeisterschaften in Folge verpasst hätte – und das bei vier Sternen auf der Brust.
Die Uhr tickt. In Turin weiß man: Ein Land, das seit 18 Jahren kein WM-K.o. mehr bestreiten durfte, kann sich keinen vierten Fehltrauen leisten. Die nächste 90 Minuten entscheiden, ob die Azzurri endlich wieder in die Runde der letzten 16 einziehen – oder erneut in die Geschichte als Warnung für künftige Gewinner. Rom wartet, Zenica grinst, Dzeko schnuppert. Und Gattuso? Der atmet noch einmal durch – und weiß, dass er am Dienstag entweder zum Helden oder zur Fußnote wird.
