Gattuso vor alptraum-spiel: „ich trage ein ganzes land“

Ein Land, das schon zweimal hintereinander zu Hause bleibt, ein Trainer, der um vier Uhr morgens wie ein Fledermauwach aufwacht, und ein Spiel, das über die Zukunft einer Fußball-Nation entscheidet. Gennaro Gattuso steht vor dem größten Abend seiner noch jungen Trainer-Karriere.

Die nacht, in der gattuso schlaftabletten schluckt

„Ich danke den Ärzten“, sagt er leise, fast heimlich, als würde er ein Geheimnis ausplaudern. „Ohne die Tabletten wache ich um halb fünf auf und sehe aus wie ein Vampir.“ Drei Sätze, und schon ist klar: Der ehemalige Kampfschlitten von Milan und der Nazionale trägt nicht nur eine Aufstellung, sondern die Last von 60 Millionen Italienern. Seit sieben Monaten höre er täglich: „Mister, bring uns zur WM.“ Die Worte hätten ihn zunächst gefreut, jetzt drücken sie auf die Brust wie ein Gegner, der nie zurückweicht.

Die Zahlen sind gnadenlos: Italien hat 2018 und 2022 bereits zwei Weltmeisterschaften verschlafen. Kein anderes großes Land schaffte dieses Kunststück seit 60 Jahren. Der Druck dampft aus jeder Pause, jedem Interview, jedem Blick im Trainingslager in Bergamo. Gattuso wirkt trotzdem, als hätte er sich selbst in einem Videospiel gefangen: „Die Jungs tüfteln an Handys, rattern Passwörter ein, um sich taktische Clips anzusehen. Wir verbrachten zwei Tage im dunklen Kino, um Irlands vertikale Würfe zu studieren.“

Die Nordiren glauben an jeden Ball, warnt er. Zweite Bälle, lange Diagonalen, frühes Stören – alles mit der Mission, den Gegner in den Strafraum zu zwingen. Gattuso verlangt daher zwei Dinge: „Mentale Widerstandskraft und blitzschnelles Umschaltspiel.“ Wer denkt, er würde nur mit Faust und Herz agieren, unterschätzt den Coach, der in den letzten Monaten seine taktische Mappe bis zur Unkenntlichkeit verziert hat.

„Noch jung, aber verantwortlich für ein ganzes land“

„Noch jung, aber verantwortlich für ein ganzes land“

Er ist 46 Jahre alt – in Trainer-Kreisen ein Teenager. Dennoch: „Dies ist das wichtigste Spiel meines Lebens.“ Die Aussage kommt nicht als PR-Satz daher, sondern mit einem Lächeln, das zwischen Stolz und Furcht schwankt. Marcello Lippi, Weltmeister-Coach von 2006, hat ihm einen Brief geschrieben. Gattuso räumt ein, dass ihm beim Lesen die Tränen kamen. „Ich kenne ihn gut, aber diese Zeilen haben mich berührt.“ Ein Satz wie eine Umarmung – und ein Vorbote, wie groß die Stunde wirklich ist.

Die Mannschaft hat drei Tage lang gelacht, Karten gespielt, sich gegenseitig auf den Arm genommen. Der Coach erlaubt es bewusst. „Wenn du morgen spürst, dass dich 65.000 in Bergamo anbrüllen, brauchst du vorher positive Energie, keine Knechtschaft.“ Die Spieler spüren den Bruch zwischen Lockerheit und tödlicher Ernsthaftigkeit. Ein Flüstern geht um: Wer gegen Nordirland stolpert, fliegt nicht nur aus dem Play-off, sondern aus der Geschichte.

Die Rechnung ist simpel: Sieg, und die „Azzurri“ dürfen nach Wales oder Bosnien fahren für die Endscheidung. Pleite, und das italienische Fußball-Jahrhundert wird mit einem einzigen Satz abgeschrieben: drei WM-Fehlstarts in Folge. Gattuso weiß, dass die Taktikplanung nur die halbe Miete ist. „Wir müssen bereit sein zu leiden“, sagt er und klingt dabei schon wie ein Mann, der in der Nacht zuvor jedes Leiden selbst durchgeatmet hat – mit Tabletten, mit Briefen, mit dem Bewusstsein, dass eine Nation morgens beim Kaffee über ihn urteilen wird.

Um 20:45 Uhr rollt der Ball im Gewitter von Bergamo. Dann entscheidet sich, ob Gattuso endlich wieder schlafen kann – oder ob er für Jahre wach bleibt wie ein Vampir, der das Licht der Weltmeisterschaft nicht mehr erträgt.