Gattuso kriegt keine luft: italien droht das wm-debakel
Mailand – Drei Stunden vor dem Anpfiff sitzt Gennaro Gattuso im Catello-Saal des Stadio Giuseppe Meazza und raucht sich die Kehle frei. „Wenn wir heute nicht gewinnen, brauche ich keinen Trainerjob mehr“, sagt der 48-jährige Italia-Coach und zieht an seiner Zigarette, als wäre sie die letzte auf Erden. Gegen Nordirland geht es um nichts weniger als das letzte Ticket für die WM 2026 – und um die Frage, ob die vierfache Weltmeister-Elf zum dritten Mal hintereinander zu Hause bleibt.
Die Zahlen sind ein Offenbarungseid: Seit dem Triumph 2006 in Deutschland hat Italien keine einzze KO-Partie in einem WM-Turnier mehr bestritten. 2018 schauten sie zu, 2022 wiederholte sich der Alptraum. Jetzt droht die irreparable Blamage. „Das ist mein wichtigstes Spiel. Punkt“, sagt Gattuso, der einst mit grimmigem Blick Mitspieler und Gegner gleichermaßen schwächte. „Ich schlafe nur mit Tabletten. Ohne wäre ich eine Fledermaus – hellwach und umherflatternd.“

Die nordiren haben deutschland zweimal geärgert – und wollen jetzt den großen fisch
Die Gegner sind alles andere als ein Aufbaugegner. In der Qualifikation nahm Nordirland der DFB-Elf zweimal den Atem: 1:1 in Belfast, 2:2 in Leipzig. „Die laufen bis zur Erschöpfung“, warnt Gattuso und schickt seine Analytiker erneut ins Zeltlager. Die Physiologen haben Daten bis zur 95. Minute gesammelt: Die Nordiren legen im Schnitt 112 intensive Sprints pro Spiel hin, Italien nur 96. „Wenn wir nicht mitgehen, werden wir auseinander genommen wie ein altes Fiat-Cabrio“, sagt ein italienischer Co-Trainer, der anonym bleiben will.
Im Falle des Falles wartet im Finale am Sonntag entweder Wales oder Bosnien-Herzegowina. Domizil: Cardiff oder Zenica – beides Orte, wo die Azzurri schon bluteten. „Erst mal müssen wir heute überstehen“, betont Gattuso, der am Spielfeldrand schon wieder die Stimme verliert. Die Mannschaft hat ihn in den letzten Tagen leise „Ringhio“ genannt – seinen alten Kampfnamen –, doch hinter den Kulissen brodelt es. Einige Senatoren um Leonardo Bonucci sollen ein Trainingsprogramm hinterfragt haben, das sie als zu intensiv empfinden. Gattuso kontert: „Wer keine 120 Minuten gehen kann, soll zu Hause bleiben.“
Anstoß ist um 20.45 Uhr, live auf DAZN. Die Buchmacher sehen Italien als Favoriten – doch die Quote auf einen Auswärtssieg der Nordiren ist seit gestern von 6,0 auf 4,2 gesunken. Die Wettfreunde riechen das Blut. In den sozialen Netzwerken kursiert schon das Hashtag #Vesuvio2 – eine Anspielung auf das 0:1 von 2018 gegen Schweden, das damals das Aus besiegelte. Gattuso selbst schwört, sein Handy für 24 Stunden in die Schublade zu sperren. „Wenn ich Twitter aufmache, drehe ich durch“, sagt er und meint damit nicht nur die Trolle, sondern auch die eigene Geduld.
Die Gewinner bekommen nicht nur das Ticket, sondern vermutlich auch ein halbes Jahr Ruhe. Die Verlierer? Die werden in den Annalen stehen als jene Generation, die es nicht einmal auf drei Anläufe schaffte, zur WM zu fahren. Gattuso wirft die Kippe weg, zieht die Kapuze seines Trainingspullis tief ins Gesicht. „Ich habe keine Alternative“, sagt er. „Entweder wir gewinnen – oder ich verschwinde.“ Dann geht er Richtung Kabine. Die Uhr zeigt 18.11 Uhr. Noch 155 Minuten bis zur Entscheidung. Italien atmet auf – oder wird erneut lahmgelegt.
