Gattuso erfindet nationalteam neu: jeder spieler kriegt sein abendessen
Cesare Prandelli schaut nicht mehr auf den Platz, sondern auf den Tisch. Dort, zwischen Pasta und Mineralwasser, verändert Rino Gattuso l’Italia-Auswahl – ohne ein einziges Training.
Der coach holt sich die mannschaft nach hause
Kein offizieller Lehrgang, kein Tag in Coverciano, keine Taktikfolien. Stattdessen flog Gattuso durch halb Europa, lud Domenico Berardi nach Turin, Gianluca Scamacca nach Amsterdam, Sandro Tonali nach Newcastle. Drei Gänge, keine Taktik. „Er fragt: Wie geht’s deiner Mutter? Wann hast du zuletzt deine Tochter in den Kindergarten gebracht?“, sagt Prandelli. Die Spieler antworten mit einem Gefühl, das in Italien seit 2006 vermisst wurde: Geborgenheit.
Die Folge: Krückenpatienten weigern sich, nach Hause zu fahren. Bandagen-Auswahl statt Bandagen-Ausflug. „Früher haben sich Verletzte versteckt, heute bleiben sie beim Team“, erzählt Prandelli. „Weil sie nicht mehr rufen: ‘Warum muss ich hier sein?’, sondern: ‘Darf ich bleiben?‘“

Die zahlen sprechen eine andere sprache als die tabelle
Die UEFA-Statistik listet Italien seit 16 Monaten unter den Top-8, doch die Sonderauswertung der Nationalmannschaftsleitung zeigt einen anderen Wert: 94 Prozent der Spieler antworten auf WhatsApp innerhalb von fünf Minuten – Rekord. 78 Prozent bieten an, zusätzliche Einheiten zu absolvieren – Rekord. 0,0 Prozent schreiben „Danke, Coach“ in die Gruppe und löschen sich danach – ebenfalls Rekord.
Prandelli lacht, wenn er diese Zaheln hört. „Ich habe 2012 ähnliche gehabt, nur stand damals Andrea Pirlo auf dem Rasen und nicht auf der Empfangstheke.“ Die Finalniederlage gegen Spanien in Kiew sei kein Trauma gewesen, sondern ein Vorbild. „Wir haben verloren, aber keine Clique. Kein Interview, kein Flüchtling. Das ist der Unterschied.“

Irland-spiel wird zur feuerprobe für die neue dna
Am Freitag in Bergamo erwartet Nordirland einen Gegner, der sich selbst nicht mehr als Gegner sieht. „Wenn wir glauben, dass wir stärker sind, verlieren wir garantiert“, warnt Prandelli. „Aber wenn wir glauben, dass wir einander stärker machen, gewinnen wir vielleicht auch gegen den eigenen Zweifel.“
Die Taktik steht auf dem Tisch – serviert auf Tellern statt auf Taktikbrettern. Und wenn es am Sonntag kein Tor gibt? Dann gab es trotzdem ein Abendessen, das länger nachwirkt als jede Niederlage. Denn der neue Spirit ist längst im Blut, nicht auf dem Papier. Prandelli nickt: „Rino kocht nicht nur Pasta, er kocht Identität. Und die schmeckt nach mehr.“
