Gaglianico bremst spitzenreiter aus: 12:12 gegen ivrea versetzt boccia-szene in ekstase
12:12 – kein Ergebnis, sondern ein Statement. Gaglianico hat die Serie A der Boccia am Sonntagabend kurzgeschlossen, indem es Tabellenführer BRB Ivrea die erste Blutnase der Saison verpasste. Die Partie war nach 60 Minuten ausgeglichen, doch die Wirkung schwappt noch immer durch die Hallen des norditalienischen Verbands.
Ivrea blutet – und gaglianico kassiert das zweite fib-top-team-siegel
Die Liga ehrt wöchentlich die Mannschaft, die „mehr bietet als nur Punkte“. Das zweite Mal in diesem Jahr fällt die Wahl auf Gaglianico. Grund: kein Team hatte bisher auch nur einen einzigen Satz gegen Ivrea gewonnen – geschweige denn zwei. Dass vier der zwölf Duelle unentschieden endeten, ist in der Statistik eine Sensation, weil normalerweise jede Runde einen klaren Sieger produziert. Trainer Piero Amerio atmete tief durch: „Wir haben der Bestie die Zähne gezogen, ohne selber zu viel Blut zu verlieren.“
Die Tabelle lügt nicht. Gaglianico rückt auf drei Punkte an Spitzenreiter Ivrea heran, gleichzeitig auf einen Punkt an Drittplatzierte Chiavarese. Letztere gastiert am kommenden Samstag in Gaglianicos heiliger Halle. Gewinnt die Heimmannschaft, übernimmt sie Platz drei – und könnte theoretisch schon an diesem Spieltag die vorzeitige Qualifikation für die Final Four perfekt machen, sollte Rivara parallel patzen. Amerio versucht, die Kirche im Dorf zu lassen: „Die Mathematik ist uns Freund, die Erfahrung lehrt aber, dass Boccia keine Rechenaufgabe, sondern Nervenkrieg ist.“

Der kapitän spricht von „halbem neuanfang“
Silvano Cibrario schaut nicht aufs Excel, sondern auf die Köpfe. „Wir sind halb neu“, sagt der 38-jährige Captain, der zwei Neuzugänge integriert. „Anfangs rutschten wir in jedem zweiten Satz weg, weil sich Abstände und Laufwege noch nicht automatisch einstellten.“ Seit der Rückrunde klickt es. Der Beweis: die Nervenstärke gegen Ivrea, als vier Mal der Gleichstand auf der Anzeige stand und jedes Mal die nächste Boccia die Führung hätte kippen können. „Wir haben nicht gefeiert, wir haben geatmet. Das war Reife.“
Was folgt, liest sich wie ein Trainingsplan für High-Performance-Keller. Diätkost bis fünf Stunden vor Spielbeginn, keine schweren Soßen, kein Alkohol. Gymnastikbänder liegen neben den Boccia-Kugeln, weil Schulter- und Rumpftraining die Präzision um fünf, sechs Prozent erhöht – in einer Sportart, in der Millimeter über Sieg und Niederfallen entscheiden. Amerio nennt das „Kopf-Plus-Programm“. Ohne wäre laut seinen Zahlen die Fehlerquote in den letzten zehn Minuten um 18 % gestiegen.

Final four – das kleine wm-finale des vereinssports
Die Final Four, Anfang Mai in Cagliari, gelten als „kleine Weltmeisterschaft“ der Club-Boccia. Seit 2019 dürfen nur noch vier Teams statt acht antreten, was die TV-Quote nach oben schraubte und die Prämien verdoppelte. Für Gaglianico winken mindestens 35 000 Euro Sponsorengeld – Geld, das in Nachwuchsarbeit und Kunstrasen für die Jugend fließen soll. „Wir wollen nicht nur dabei sein, wir wollen die Geschichte umschreiben“, sagt Cibrario. Dabei spielt er auf Ivrea an, das als einziges Team noch ungeschlagen ist. Sollte Gaglianico die Final Four erreichen, winkt im Halbfinale möglicherweise ein Rematch – und die Chance, dem Spitzenreiter die nächste Blutnase zu verpassen.
Die Saison ist noch nicht geglückt, aber die Weichen stehen. Die Liga schaut nach Gaglianico, die Fans buchen bereits Busse nach Sardinien. Wer am Samstag in der Halle ist, erlebt vermutlich den Moment, an dem ein 12:12 zum Sprungbrett wird. Die Zahlen sprechen für sich: seit Einführung der Final-Four-Regel 2019 erreichten 87 % der Teams mit mindestens einem Unentschieden gegen die Tabellenspitze auch das Finale. Gaglianico hat diesen Satz jetzt geschrieben – und wartet darauf, dass die Boccia-Welt ihn zitiert.
