Fux katapultiert sich vom achten platz zum gold: schweizer slalom-coup in narvik
33 Hundertstel reichten. 33 Hundertstel zwischen Enttäuschung und Ekstase. Giuliano Fux spürte den Druck der Nation im Nacken, als er am Sonntag oben an der Startstange des Slaloms in Narvik stand – achter nach Durchgang eins, ohne echte Medaillenchance, so schien es. Dann riss der 20-jährige Walliser das Skitempo an, ließ die Kanten kreischen und die Konkurrenz versinken. Was folgte, war der grösste Sprung seines Lebens: Gold an der Junioren-Ski-WM, die zweite Medaille binnen Tagen, und ein Statement, das durch die Schweizer Alpen hallt.
Fehler der favoriten, fahndung nach fux
Die Rechnung war simpel, die Ausgangslage brutal. Fux lag 1,34 Sekunden zurück auf Führung, zehn Konkurrenten vor ihm, viele mit Startnummern, die nach Routine schreien. Doch wer in Narvik die letzten Tage verfolgte, weiss: Die Piste frisst Selbstvertrauen zum Frühstück. Und so stolperten nacheinander die Topfavoriten: zu spät eingesetzte Stöcke, ein Hüftschwung zu weit, ein Kantendruck, der sich rächt. Die Zeiten blieben im Schnee stecken, während Fux mit einem fehlerarmen, aber aggressiven Lauf die Uhr stoppte: 49,87 Sekunden – genug, um die Zwischenführung von Freddy Carrick-Smith um 33 Hundertstel zu schlagen. Maximilien Hoder (USA) wurde Dritter, 45 Hundertstel hinter dem Schweizer.
Die Zuschauer jubelten, die Delegierten rangen nach Worten. «Ich habe nur an meine Linie gedacht, nicht an das Podest», sagte Fux noch atemlos vor der ARD-Kamera. Die Stimme zitterte, das Grinsen nicht. Draussen am Hang hiess es bereits «Hopp Fux», und die Social-Media-Kanäle des Swiss-Ski-Teams explodierten. Dabei war das Resultat des ersten Durchgangs kein Ausrutscher gewesen – Fux hatte schlicht zu vorsichtig gefahren, zögerlich, wie er später einräumte. Die Lektion: Risiko zahlt sich aus, vor allem, wenn alle anderen straucheln.

Von bronze zu gold – die serie des wallisers
Die Medaille in Narvik ist kein Einzelfall, sondern die Fortsetzung einer Steilvorlage. Drei Tage zuvor hatte Fux mit dem Schweizer Mixed-Team bereits Bronze geholt – ein Erfolg, der Selbstvertrauen schuf und die Trainingsgruppe zusammenschweisste. Im Riesenslalom verpasste er das Podest um klägliche fünf Hundertstel, belegte Rang vier – eine Niederlage, die ihn aber nicht aus der Bahn warf. «Ich wusste, meine Chance kommt noch», sagte er damals. Am Sonntag war es soweit.
Die Leistung wirft einen Schlaglicht auf den Schweizer Nachwuchs, der seit Jahren mit Talenten geizt, aber mit Durchsetzungskraft glänzt. Fux steht für diese neue Garde: technisch versiert, mental abgebrüht, bereit, die alte Ordnung zu erschüttern. Sein Trainer Marco Pfiffner lobte nach dem Rennen die «ruhige Hand» seines Schützlings und kündigte an, dass man die Weltcup-Debüt-Saison vorerst nicht überstürzen werde. «Er soll reifen, nicht reissen», so Pfiffner. Die nächsten Monate stehen im Zeichen der European Cup-Rennen, bevor Fux im Winter 2024/25 wohl erstmals im Weltcup starten wird.

Was die uhr wirklich zeigt
Die 33 Hundertstel Vorsprung mogen nach wenig klingen, doch im Slalom entspricht das fast einer Ewigkeit. Die Statistik zeigt: Seit Einführung der Doppelspur-Anlage in Narvik war kein Sieger jemals schlechter als Fuchs’ Startposition – Rang acht. Er schreibt damit Geschichte, zumindest in der Datenbank der Junioren-WM. Und er liefert der Schweiz einen mentalen Schub, den man so dringend braucht: Nach den verpatzten Olympia-Saisons und dem verletzungsgeplagten Weltcup-Kader beweist Fux, dass die Pipeline nicht leer ist.
Die Konkurrenz schaut auf. In den WhatsApp-Gruppen der Alpinen Nationen kursiert bereits ein Video, das Fux’ zweiten Lauf in Zeitraffer zeigt – mit der Frage: «Wie macht der das?» Die Antwort lautet: Mit Mut, mit harter Arbeit und mit der Fähigkeit, Fehler schneller zu vergessen als andere sie machen. Wer ihn in Narvik erlebte, sah einen Athleten, der nicht nach Gold jagte, sondern nach der perfekten Linie – und dabei unfreiwillig Gold fand.
Die Saison ist noch jung, die Karriere erst am Anfang. Doch eines steht fest: Seit Sonntag trägt Giuliano Fux nicht nur die Startnummer 17, sondern auch das Label «Junioren-Weltmeister». Und in der Schweiz wissen sie: Wenn einer vom achten Platz aufs oberste Podest springen kann, dann springt er auch irgendwann in die Weltspitze. Die Uhr tickt. Und sie tickt zugunsten der Schweiz.
