Frauen in führung: der sport schläft auf 80 % männer-power
„Guten Morgen, Männer. Guten Morgen, Sabine.“ Dieser Gruß fällt in deutschen Sport-Vorständen nicht als Witz, sondern als Realität. 80 Prozent der Spitzenposten bei Landessportbünden und DOSB-Verbänden besetzt der Mann, wie der aktuelle Gleichstellungsbericht zeigt. Die Folge: Entscheidungen über 15 Millionen Mitglieder fallen weiter in homogenen Runden, in denen Frauen als Exoten gelten.
Die 6-prozent-zahl, die den profifußball lügt
Im Profifußball wirkt diese Quote wie Luxus. Julia Möhn, Geschäftsführerin der Beratungsagentur „Fußball kann mehr“, legt die Zahlen offen: „In den 100 Top-Management-Positionen der 1. und 2. Bundesliga sitzen gerade einmal sechs Frauen.“ Sechs. Die Liga, die mit Milliarden-Einnahmen und globaler Strahlkraft wirbt, schafft es nicht einmal auf einstellige weibliche Anteile in Aufsichtsräten und Vorständen. Die Saison 24/25 markiert dabei schon den Rekordwert.
Die isolierte Position dieser wenigen Frauen beginnt schon beim morgendlichen Smalltalk. „Die Sitzungen starten mit ‚Guten Morgen, Männer. Guten Morgen, Sabine‘, weil außer der Einen keine Frau im Raum sitzt“, berichtet Möhn. Der Ton ist halb scherzhaft, ganz nah an der Demütigung. Hinter dem Satz steckt „Male Dominance“, ein Phänomen, das britische Studien als Hauptbarriere für weibliche Karrieren im Sport identifizieren.

Klischee check: männlich gleich führungsstark?
Maike Stähler vom vom Bundesfamilienministerium geförderten Projekt „Klischeefrei im Sport“ sprengt die Ursache nicht in Personalmangel, sondern in Kopfstrukturen: „Männlichkeit bedeutet automatisch Durchsetzungskraft, Rationalität, Erfolgsdrang. Weiblichkeit gilt als emotional, aber eben nicht als strategisch.“ Das Narrativ verankert sich so tief, dass es selbst Frauen internalisieren. Ergebnis: Bewerbungen für Vorstandsposten bleiben aus, weil sich niemand mit „weiblicher“ Biografie geeignet sieht.
Dazu kommen harte Strukturfragen. Sitzungen finden ab 19 Uhr statt, dauern drei Stunden, Kinderbetreuung existiert nicht. „Warum sollen sich junge Mütter dafür begeistern?“, fragt Stähler. Die Antwort liefert der Sportentwicklungsbericht: 17,5 Prozent der Vereine fürchten um ihre Existenz, weil ihnen Ehrenamtliche fehlen – besonders im Schiedsrichter- und Trainerbereich. Frauen könnten diese Lücke stopfen, wenn endlich Aufgaben neu verteilt würden.

Stichwort doppelspitze: bremen und leipzig machen es vor
Erste Klubs zeigen, dass Umdenken kein Budgetfrage ist. RB Leipzig installierte mit Tatjana Haenni eine CEO, der SV Werder Bremen führte interne Karrierewege für Frauen ein und definierte flexible Sitzungszeiten neu. Ergebnis: Bewerbungen weiblicher Fachkräfte stiegen um 40 Prozent. „Transparenz ist der billigste Hebel“, sagt Möhn. „Wer klar macht, wie viele Stunden ein Posten kostet und welche Skills wirklich zählen, öffnet die Tür für neue Zielgruppen.“
Die Logik ist simpel: Wer heute Frauen ausschließt, verliert morgen Fachkräfte, Sponsoren und Mitglieder. Denn hinter jeder weiblichen Vorstandsposition steckt ein Netzwerk, das bisher draußen blieb. Die Kostenfrage ist längst beantwortet: Der Frauenanteil in Gremien steigt proportional zum Zufluss neuer Geldgeber, wie Diversitäts-Studien des Deutschen Olympischen Sportbunds zeigen.

Der schlüssel liegt auf dem tisch
Der Sport steckt in einer Doppelkrise: Fachkräftemangel und Imageproblem. Die Lösung trägt Rock und Jackett. Die Quote ist kein Geschenk, sondern eine Überlebensfrage. Vereine, die jetzt strukturell umsteuern, sichern sich morgen Fachkräfte, Sponsoren und Mitglieder. Die anderen diskutieren 2027 immer noch über „Guten Morgen, Männer“. Der Unterschied: sechs statt 50 Prozent Frauen in den Vorständen. Die Zahl spricht für sich – und sie schreit nach Veränderung.
