Franziska preuß wirft die bremse: „endlich keine 5-uhr-meldung mehr“
Sie hat die Uhr abgelegt, nicht nur beim Skilanglauf. Franziska Preuß ist raus aus dem Dauerdrehzahl-Modus, in dem sie 13 Jahre lang gelebt hat. Kein Wecker, kein Meldesystem, keine Angst, dass das Handy klingelt und die Doping-Kontrolleure vor der Tür stehen. „Das war die schönste E-Mail meines Lebens: Abmeldung beim Anti-Doping-Portal“, sagt sie im BR-Interview – und lacht das Lachen einer Frau, die zum ersten Mal seit 2010 wieder Herrin über ihre Nächte ist.
Die bilanz: 13 kristallkugeln und ein trauma namens olympia
2 Olympia-Bronzen, 2 WM-Golds, 6 Silber, 3 Bronze – dazu die große und drei kleine Kristallkugeln. Die Zahlen sind schon absurd, wenn man bedenkt, dass Preuß jeden Winter mit Bandscheiben-Angst, Asthma und einer Immunschwäche in den Schneekanonenkrieg zog. Doch die Statistik lügt: Olympia blieb ihre persönliche Achillesferse. „Olympia und ich, wir werden einfach keine Freunde“, sagt sie rückblickend auf Mailand-Cortina, wo sie als Favorin im Sprint schon nach dem Schießen raus war. Die Medaille blieb aus, der Abschluss war trotzdem stilvoll: Ehrenrunde mit Dorothea Wierer, beide Hand in Hand, beide mit dem Wissen: Das war’s.
Doch das Drama von Cortina ist schon eine Woche später Makulatur. „Ich habe meine Familie zu Weihnachten im Garten feiern sehen – mit drei Masken auf. Das war meine Realität. Jetzt bin ich draußen, ohne Uhr, ohne Plan, und merke: Ich bin 31 und habe noch nie spontan eine Pause gemacht.“ Die Ironie: Ausgerechnet die Frau, die für ihre mentale Stärke gefeiert wurde, bricht nun zusammen – vor Erleichterung.

Mentale stärke war ein vollzeitjob
Wer Preuß live erlebte, sah eine Läuferin, die selbst nach zwei Strafrunden noch lächelte. Was keiner sah: Die Nächte, in denen sie ihren Lebensgefährten Simon Schempp ins Gästezimmer verbannte, weil eine Erkältung sie um die Saison bringen konnte. „Ich habe mir ein Regelwerk gebaut, das härter war als jeder Trainingsplan“, sagt sie. Disziplin als Ersatz für ein Immunsystem, das sich seit der Jugend gegen sie verschworen hatte. Das Resultat: Gold in Lenzerheide 2025, null Fehler, 57 Sekunden Vorsprung – ein Rennen, das selbst Magnus Berger im norwegischen Fernsehen als „verrückt“ kommentierte.
Doch diese mentale Maschine frisst Energie. „Ich habe jeden Tag an mich geglaubt, bis mir schwindlig war. Irgendwann fragst du dich: Was bin ich ohne den Glauben?“ Die Antwort kommt auf dem Parkplatz vor dem Biathlon-Stadion in Ruhpolding, wo sie nach dem Training ihre Ski einpackt – und merkt, dass sie keine zweiten mehr dabei hat. „Ich habe geweint. Nicht aus Trauer, sondern weil ich plötzlich spüre: Ich brauche keine mehr.

Die freundschaften bleiben, die konkurrenz fällt weg
Wenn Preuß über ihre Zukunft spricht, fällt kein einziges Mal das Wort „Rente“. Stattdessen erzählt sie von Laura Dahlmeier, die sie im Sommer traf – „wir haben zwei Stunden geheult, dann zwei Flaschen Sekt geköpft“ – und von Dorothea Wierer, mit der sie am Ende von Cortina stillschweigend beschloss, gemeinsam aufzuhören. „Doro ist die Queen, aber sie fragt dich, wie’s dir geht. Das ist kein Marketing, das ist echt.“ Diese Freundschaften sind ihr Kapital, nicht die Medaillen. „Ich werde die Läuferinnen auf der Strecke vermissen, nicht das Podest.“
Was kommt nun? Keine Pläne. Kein Job-Angebot, kein TV-Vertrag, kein Buch-Deal. „Ich will erst mal zwei Wochen lang ausschlafen. Dann sehen wir weiter.“ Die einzige Konstante: Sie wird weiter laufen – nur eben ohne Uhr. Und vielleicht mit einem Kaffeestopp auf der Hütte. „Das ist meine neue Disziplin: Nichts tun, ohne schlechtes Gewissen.“
Die Sportwelt verliert eine Kämpferin, gewinnt aber eine Frau, die endlich lernt, dass man auch stehenbleiben darf, ohne zu verlieren. Franziska Preuß hat nicht nur ihre Karriere beendet – sie hat sich selbst zurückgeholt. Und das ist die größte Medaille, die sie je errungen hat.
