Franziska preuß verabschiedet sich: bronze, gold – und ein leben ohne doping-app

Sie zog drei Masken übers Gesicht, schickte ihren Partner ins Gästezimmer und feierte Weihnachten im Garten. Dafür holte Franziska Preuß 13 WM-Medaillen, die große Kristallkugel – und jetzt endlich ihre Freiheit zurück.

Mailand war der letzte schuss, nicht der perfekte

Die 31-Jährige verließ die Strecke in Cortina ohne Einzelmedaille, dafür mit dem Lächeln einer Frau, die weiß, wann Schluss ist. „Olympia und ich, wir werden einfach keine Freunde“, sagt sie im BR-Gespräch. Kein Jammern, nur Feststellung. Denn ihre Bilanz spricht ohnehin für sich: 2 Olympia-Bronzen, 2 WM-Golds, 6 Silber, 3 Bronze, dazu drei Kristallkugeln – ein Vermögen aus Holz, Metall und Licht.

Was diese Summe erst möglich machte, war nicht die Technik auf der Matte, sondern die im Kopf. Preuß‘ größter Triumph ist ein unsichtbarer: nie krank werden, nie den Glauben verlieren. Sie weigerte sich, dem Zufall zu vertrauen. Drei Masken, keine Kuscheln, kein Weihnachtsduft im Wohnzimmer. Stattdessen: Kontrolle, Isolation, mentale Abrissbirne. „Es gibt nichts Schlimmeres, als im Winter auf dem Sofa zu liegen, während die anderen jagen.“

Der moment, als sie selbst baff war

Der moment, als sie selbst baff war

Lenzerheide, 2025. Verfolgung, null Fehler, 57 Sekunden Vorsprung. Preuß rast in die Schlussrunde, schluckt Schneestaub und ihre eigene Ungläubigkeit. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal erleben darf“, erinnert sie sich. Diese Sekunde brennt länger als jede Medaille. Sie ist der Beweis: Disziplin zahlt sich aus, selbst wenn sie dich manchmal wie ein fremdes Leben anfühlt.

Nun endet dieses Leben. Keine 5-Uhr-Wecker, kein Meldesystem, keine App, die jede Nacht wissen will, wo sie schläft. „Das war die schönste E-Mail meiner Karriere“, lacht Preuß. Stattdessen: Sonne, Langlauf, Einkehr. „Man konnte stehenbleiben. Das ist eine neue Freiheit.“

Was bleibt, sind menschen, nicht pokale

Was bleibt, sind menschen, nicht pokale

Sie wird die Kontrollwut nicht vermissen, aber die Kolleginnen schon. Laura Dahlmeier, die beste Freundin, die nicht mehr feiern kann. Dorothea Wierer, die italienische „Queen of Biathlon“, mit der sie bei Olympia noch eine Ehrenrunde drehte. „Doro ist so bodenständig, fragt immer, wie es den Jüngeren geht.“ Feindschaft war nie ihr Stil. Konkurrenz schweißt, wenn man sich selbst genug vertraut.

Der Modus „wieder-aufbauen“ schaltet sich noch nach, aber es gibt nichts mehr aufzubauen. „Dann realisiert man: ach nee, muss ich gar nicht.“ Das klingt nach Pause, nicht wie Leere. Preuß hat sich selbst so lange gejagt, dass sie nun ein Leben lang Zeit hat, stehenzubleiben. Die Uhr bleibt aus. Die Freundschaften nicht.