Flunger wirft hin: schweiz verliert ihre biathlon-revolutionärin
Die Bombe platzte am Montagmittag. Sandra Flunger, die Frau, die den Schweizer Biathlon aus dem Mittelmaß katapultierte, kündigt. Nach acht Jahren, drei historischen Weltcup-Siegen und einem Sprung von Rang neun auf fünf in der Nationenwertung verlässt die 43-jährige Tirolerin Swiss-Ski zum Saisonende.
Flunger selbst klingt trotz aller Medaillen leise: „Mir fällt der Abschied schwer, aber neue Impulse sind nötig.“ Was niemand laut sagt: Die Verbandsriege um Präsident Urs Lehmann hatte offenbar mit allen Mitteln vergeblich um ein Weiterarbeiten gebuhlt. Intern galt Flungers Job als sicher – bis sie vor zwei Wochen in Lenzerheide plötzlich Rede und Antwort stand, dass „der zweite Olympia-Zyklus endet“. Von Verlängerung keine Spur.
Die bilanz liest sich wie ein märchen
2017 übernahm Flunger ein Team, das vor allem für Schlechtwetter-Ausfälle berüchtigt war. Sie stellte um auf Leistungsdiagnostik, verschob Schwerpunktvorbereitungen auf Hochhöhen und führte ein Punktesystem ein, das Startplätze nur noch über Weltcup-Punkte verteilte. Ergebnis: 2021 der erste Staffel-Podestplatz der Frauen in Oberhof, 2022 der Mixed-Sieg in Ruhpolding, 2023 Einzelsieg von Lena Häcki in Antholz. Die Schweiz, einst Dauerbrenner der Ranglisten, avancierte zur Top-6-Nation.
Doch hinter den Kulissen schwielte es. Athleten sprachen von „Kontrollwut“, Eltern von „Drill“. Flunger konterte mit Zahlen: 37 Prozent weniger Schießfehler, 22 Prozent schnellere Laufzeiten. Wer nicht mithalten wollte, flog raus – so brutal wie konsequent.

Was folgt, ist ein machtvakuum
Swiss-Ski muss binnen zwölf Wochen eine Nachfolge regeln, bevor die Sommervorbereitung startet. Intern favorisiert Sportdirektor Walter Moser den eigenen U20-Coach Patrick Jäger, ein Duo mit Ex-Weltcup-Sieger Sven Fischer schwirrt durch die Gänge. Extern buhlen bereits Norwegen und Italien um Flungers Gen; in Oslo winkt ein Verbandsposten mit Budgetrechten. Für die Schweiz droht der Brain-Drain.
Die Athleten reagieren verunsichert. Lena Häcki twitterte einzig ein Zwinkern-Emoji, Sebastian Stalder ließ durchblicken: „Ohne Sandra wäre ich heute kein Weltcupsieger.“ Die nächste Saison wird ohne die Architektin des Erfolgs gespielt – ein Risiko, das Swiss-Ski eingeht, weil es kein Gegenkonzept hatte.
Die Bilanz bleibt: Acht Jahre, drei Geschichtsbücher-Einträge, ein Team verwandelt. Und eine Lücke, die größer ist als jede Loipe der Welt.
