Lena häcki-gross warf die streichlisten weg: „ich zählte jede minute im wald“

Sie stand auf, ging ins Skigebiet und hasste es. Lena Häcki-Gross, 30, Weltcup-Vierte, Olympionikin, Notruf in eigener Sache: „Ich wollte nur noch weg vom Schnee.“

Sommerloch statt sommerloch

Die Biathletin aus Engelberg verlor in der Vorbereitung 2023 die Lust, verlor sich in Gedankenkreisen, verlor schließlich das Zeitgefühl. „Morgens klingelte der Wecker, und ich fragte mich: Wozu?“ Die Antwort kam nicht. Also blieb die Frage im Raum und mit ihr die Todessehnsucht nach einer Karriere, die eigentlich erst richtig begonnen hatte.

Was niemand sah: Hinter den Social-Media-Lächeln zählte sie die Minuten auf der Rolle, zählte die Herzschläge, zählte die verbleibenden Trainingstage bis zum Saisonstart. „Ich habe jeden Tag eine Liste gemacht: Was muss ich erledigen, damit ich sagen kann, ich bin Profi? Die Liste wurde kürzer, meine Laune auch.“

Der alte feind war schneller

Der alte feind war schneller

Die Essstörung, gegen die sie 2019 öffentlich kämpfte, meldete sich zurück – still, aber gnadenlos. „Ich merkte, wie ich wieder Kontrolle suchte, statt Vertrauen“, sagt sie im Gespräch mit watson. Diesmal jedoch nahm sie das Gespräch mit Trainerin Katja Beer, mit Mutter, mit besten Freundinnen. „Früher habe ich geschwiegen. Jetzt redete ich – und merkte: Die Welt wird nicht leiser, aber leichter.“

Die Folge: Kein Rückzug, kein Rücktritt, sondern ein reduziertes Programm. Weniger Volumen, mehr Raum für Gedanken. „Ich trainiere jetzt nur noch, wenn ich spüre, dass mein Körper fragt: Wann geht’s los?“ Die Antwort lautet: Erst wenn der Kopf zustimmt.

Die saison beginnt im kopf

Die saison beginnt im kopf

Beim Weltcup-Auftakt in Kontiolahti will Häcki-Gross nicht über Podeste sprechen. „Ich will wieder die Lust spüren, wenn sich der Schnee unter den Skins knirscht.“ Die FIS-Punkte? „Sind nur Zahlen.“ Die Medaillen? „Sind nur Metall.“ Das Einzige, was zählt, ist der Moment, in dem sie morgens das Fenster öffnet und den Schnee riechen kann – ohne dass eine Liste im Kopf sie daran hindert.

Die Bilanz nach dem Sommer des Zweifels: kein Sieg, aber ein Neuanfang. „Ich bin nicht mehr die Lena, die alles schafft. Ich bin die, die alles fragt – und trotzdem läuft.“