Fifa zündet den turbo: 'vinícius-regel' könnte schon zur wm gelten
Kurz vor dem Saison-Endspurt trifft sich die FIFA am Dienstag in Vancouver, um eine rote Karte für jeden Mund-zu-Hand-Gestus zu verankern – ausgelöst durch den Fall Prestianni. Infantino will die sogenannte 'Vinícius-Regel' noch vor der Klub-WM durchboxen, doch zwischen UEFA, CONMEBOL und den afrikanischen Verbänden klafft ein Graben so breit wie der St.-Lorenz-Strom.
Warum die uhr jetzt tickt
Der Zeitplan ist kein Zufall. In 90 Tagen rollt der Ball in den USA, und die FIFA fürchtet Images wie jene aus Madrid: Benficas Prestianni hält sich die Hand vor den Mund, flüstert „maricón“, Vinícius reagiert aufgebracht. Das UEFA-Gericht verhängte sechs Spiele Sperre – wegen Homophobie, nicht Rassismus. Für Infantino ist das ein Probedurchlauf für das, was kommt: Wer die Hand zum Mund führt und dem Gegner etwas zuflüstert, fliegt mit Rot. Punkt.
Doch genau dieser Automatismus stößt auf Widerstand. In der englischen Delegierten-Lounge von Vancouver kursiert ein internes Papier, das mirror exklusiv einsehen konnte. Demnach lehnt die UEFA eine hundertprozentige Rot-Regel ab. Schiri-Chef Roberto Rosetti will dem Schiedsrichter „Interpretationsspielraum“ lassen – gelb bei Provokation, rot bei eindeutiger Diskriminierung. Die Südamerikaner wiederum pochen auf Kultur-Relativierung: „Was in Buenos Aires eine Routine-Beleidigung ist, kann in London ein Skandal sein“, sagt ein CONMEBOL-Insider.

Prestiannis fall als druckmittel
Die UEFA nutzt den Prestianni-Fall, um ihre Position zu untermauern. Gianluca Prestianni selbst sagte im argentinischen Fernsehen: „Für uns ist ‚cagón‘ oder ‚maricón‘ ein Standardschimpfwort, nicht homophob gemeint.“ Genau diese Haltung will Infantino austrocknen. Sein Vorstoß: Wer sich hinter kultureller Gewohnheit versteckt, bekommt keine Gnade. Die FIFA-Statuten sollen weltweit gleich ziehen – ob in der Champions League oder im afrikanischen Confed-Cup.
Die Zahlen sprechen für den Schweizer: Laut FIFA-Auswertung führten 38 Prozent aller Rassismus-Vorfälle der letzten zwei Jahre Hand-an-den-Mund-Gesten voraus. „Wir können nicht bis zur nächsten Eskalation warten“, sagte Infantino vor der Kameras von Sky Sports. Doch die Rechnung ohne die Nationalverbände machen. Kanadas Verband stoppte bereits eine Testphase in der MLS, weil Schiris sich über zu viele Fehlentscheide beklagten. Auch die asiatische AFC fürchtet, dass sich Spieler die Rote Karte provozieren, um Gegner aus dem Spiel zu nehmen.

Entscheidung bis juni – oder nie
Im Fair-Play-Komitee stehen drei Optionen zur Debatte: Variante A – sofortige Rot bei Hand-vor-Mund, Variante B – gelb-rot bei Beleidigung, gelb bei Provokation, Variante C – Status quo plus Video-Nachschlag. Doch selbst innerhalb der FIFA brodelt es. Generalsekretär Fatma Samoura warnte vor „einer Lawine von Einsprüchen“, sollte die Regel ohne klare Beweislast kommen. Ihr Vorschlag: erst Hawkeye-Audio, dann Karte. Die Technik liegt bereit, kostet aber 1,8 Millionen Euro pro Stadion – ein Betrag, den viele nationale Ligen nicht stemmen können.
Die Stunde der Wahrheit schlägt am Freitag um 16 Uhr Ortszeit, wenn das Council abstimmt. Sollte keine Zweidrittel-Mehrheit zusammenkommen, verschiebt sich das Thema auf 2025 – und Vinícius Junior muss weiter mit Beleidigungen leben, die seine Karriere bereits jetzt belasten. Entweder die FIFA zieht den Stecker durch, oder sie lässt das Problem weiter wuchern – mitten ins Herz des Weltfußballs.
