Fichtner jagt die podest-stars: platz 4 in kontiolahti ist ihr neuer turbo
Sechs Sekunden. Mehr nicht. Marlene Fichtner spürte die Schweden im Nacken, sah Julia Simon bereits jubeln – und sprintete dennoch mit breiter Brust über die Zielgerade. Rang vier im Massenstart von Kontiolahti bedeutet: Die 25-jährige Ruhpoldingerin hat sich selbst übertroffen, zwei Tage nach dem besten Einzel-Weltcupergebnis ihrer Karriere.
Der erste schuss war daneben – und plötzlich wurde’s laut
Ein Fehler beim ersten Schießen, Rang 26. Normalerweise bricht hier Panik aus. Fichtner atmete durch, schob zwei Magazine sauber rein und lief. Was folgte, war ein Aufsteigeritt durchs Feld, den selbst erfahrene Trainer auf der Tribüne mit offenem Mund verfolgten. Pro Runde ein, zwei Plätze gut gemacht – das klingt nach Excel-Tabelle, sah aber nach Kampf aus. Am Ende fehlten 6,0 Sekunden auf das Podest, 30,6 auf Schwedens Elvira Öberg, die Silber holte.
Die Französin Julia Simon – drei Olympia-Golds – blieb trotz eines Strafrunden trotzdem unschlagbar. Ihr Vorsprung von 5,6 Sekunden auf Öberg klingt knapp, war aber eine Demonstration. Simon schoss schneller, lief aggressiver, dominierte die Spur. Dahinter lieferten sich die Schwedinnen Öberg und Magnusson ein Nord-Duell; Magnusson musste sich mit Bronze begnügen.

Deutsches mittelfeld mit fragezeichen
Vanessa Voigt wurde Zwölfte, verlor im Stehendanschlag die Nerven – zwei Fehler, 30,6 Sekunden Rückstand. Selina Grotian und Janina Hettich-Walz folgten auf den Plätzen 15 und 17. Drei Fehler pro Dame, die Quote nagt an der Team-Moral. Bundestrainer Kristian Meicke sprach hinterher von „verschenkten Chancen“, verspricht aber keine Schnellschüsse beim nächsten Training.
Fichtner selbst wirkt unbeeindruckt. „Einfach traumhaft zu laufen“, sagte sie ins ZDF-Mikro, „ich habe versucht, bei mir zu bleiben und mutig an die Sache ranzugehen.“ Mut ist das Stichwort. Nach Jahren, in denen sie sich zwischen Weltcup und IBU-Cup hin- und hergerissen sah, scheint sie endlich angekommen. Die Langlaufgeschwindigkeit stimmt, die mentale Klarheit ebenso.
Was der vierte platz wirklich bedeutet
Die Gesamtweltcup-Wertung? Fichtner rückt auf Rang acht vor, nur 46 Punkte trennen sie von der Top-Five. Noch wichtiger: Sie sammelt Selbstvertrauen für Pokljuka und Oberhof, wo die Saison ihre Kurscharten zieht. Die Konkurrenz schaut jetzt anders auf sie. Früher galt sie als Läuferin mit gutem Schießtag. Jetzt ist sie Läuferin, die einen schlechten Start wegläuft – und das ist eine ganz andere Kategorie.
Die Franzosen feiern Simon, die Schweden jubeln über Doppelsilber. Doch im deutschen Lager ist der Jubel kleiner, fokussierter. Fichtner hat gezeigt, dass sie bereit ist, die Lücke zu den skandinavischen Top-Stars zu schließen. Sechs Sekunden fehlen noch. Beim nächsten Mal sind es vielleicht nur drei. Dann ist das Podest kein Traum mehr, sondern Plan.
