Ferrari: realistische einschätzung vor le mans – sieg nur ein traum?

Die Luft in Le Mans ist erfüllt von Spannung, aber auch von einer gewissen Ernüchterung im Ferrari-Lager. Nach schwierigen Trainings und einem enttäuschenden Qualifying räumen die Roten ein, dass der Sieg in der 94. Auflage des 24-Stunden-Rennens eine Herkulesaufgabe sein könnte. Alessandro Follis von Gazzetta Motori liefert einen exklusiven Einblick hinter die Kulissen.

Die qualifikation: ein weckruf für ferrari

Die Ausgangslage ist klar: Die Ferrari 499P starten nur auf den Positionen acht, zwölf und siebzehn. Ein Ergebnis, das die Erwartungen des Werksteams bei Weitem nicht erfüllt. „Uns fehlt etwas an Beschleunigung und etwas an Anpressdruck“, räumte einer der sechs Werksfahrer, die die Autos mit den Startnummern 50 und 51 steuern, offen ein. Die Konkurrenz, allen voran BMW, Cadillac und Alpine, scheinen besser gerüstet zu sein.

James Calado, der in der Hyperpole 2 seine Bestzeit fuhr, betonte, dass er in der Qualifikation vermutlich mehr hätte herausholen können. „Ich habe seit über zwei Jahren nicht mehr mit so wenig Treibstoff gefahren“, erklärte er. Ein weiterer Schwachpunkt offenbarte sich in der Beschleunigung bis 250 km/h, wo Ferrari den Vergleich mit den Rivalen verlor.

Antonio Giovinazzi schätzt die Situation nüchtern ein: „Bei einem regulären Rennverlauf und trockenen Bedingungen wird es für uns schwierig, aufzuholen. Wir haben zwar jede mögliche Reifenkombination getestet, aber in Le Mans sind die Möglichkeiten, die Strategie anzupassen, begrenzt.“

Trotzdem hoffnung: das potenzial des rennverlaufs

Trotzdem hoffnung: das potenzial des rennverlaufs

Trotz der realistischen Einschätzungen ist die Hoffnung nicht gänzlich geschwunden. Ferrari weiß, dass das 24-Stunden-Rennen notorisch unberechenbar ist und ein Sieg auch aus einer vermeintlich ungünstigen Position möglich ist. Erinnern wir uns daran, dass das letztjährige Siegerteam von der zwölften Startposition aus ins Rennen ging.

Ein Hoffnungsschimmer liegt im Reifenverschleiß: „Wir hoffen, dass die Limits unserer Gegner im Rennen ans Licht kommen“, so Giovinazzi. Die hohen Temperaturen, insbesondere am Sonntag mit bis zu 45 Grad Asphalttemperatur, könnten ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen und die Strategie der Teams vor eine Zerreißprobe stellen. Die Entscheidung, ob man auf weichere Reifen setzt, die sofortige Performance bieten, aber schneller verschleißen, oder auf härtere Reifen setzt, die länger halten, wird entscheidend sein.

Weniger druck, mehr fokus

Weniger druck, mehr fokus

Ein positiver Aspekt ist die reduzierte Drucksituation. „Es ist bereits eine gute Voraussetzung, auf der Rennstrecke von Le Mans zu stehen“, sagte Antonio Fuoco. „Da wir nicht das schnellste Auto haben, müssen wir perfekt sein, sowohl in der Fahrweise als auch bei den strategischen Entscheidungen.“ Miguel Molina ergänzte: „Die Favoriten sind andere, aber der Druck kann auch sie beeinflussen und zu Fehlern führen. Wir haben drei Siege in Folge errungen, wir wissen, wie man hier gewinnt, und wir haben nichts zu beweisen.“

Nicklas Nielsen wünscht sich dabei ein wenig Regen: „Bei unseren aktuellen Bedingungen wäre etwas Regen natürlich willkommen.“

Die Ferrari-Mannschaft reist also nach Le Mans mit dem Ziel zu siegen, aber auch mit der Bescheidenheit, die eine ehrliche Analyse der eigenen Stärken und Schwächen erfordert. Ob die Roten am Ende die Konkurrenz überraschen und den vierten Sieg in Le Mans feiern können, bleibt abzuwarten. Die Uhr tickt, und das Rennen beginnt bald.