Evenepoel und lipowitz liefern ersten beweis: die doppelspitze lebt
Remco Evenepoel verpasste den Sieg um einen Reifen, Florian Lipowitz kam mit dem Hauptfeld ins Ziel – und trotzdem war das die wichtigste Sekunde der Katalonien-Rundfahrt. Denn hinter den Millisekunden, die Dorian Godon in Sant Feliu de Guíxols vor dem Belgier ließ, schimmert ein Projekt auf, das die Tour de France 2026 erschüttern könnte.
Der plan, den noch niemand laut ausspricht
Red Bull-Bora-hansgrohe testet seit Januar heimlich, was alle nur flüstern: Evenepoel und Lipowitz als verdeckte Doppelspitze. Mallorca war der erste Labortest, da gewannen sie das Mannschaftszeitfahren. Katalonien ist der erste Straßentest unter Rennbedingungen – und der funktionierte sofort. Evenepoel fuhr wie ein Kapitän, Lipowitz wie sein Bodyguard im Peloton. Kein Blickwechsel, kein Gestikulieren, aber beide wussten: Heute zählt nur, dass wir morgen noch beide vorn sind.
Die Franzosen reden über Godons Hinterrad, die Spanier über Vingegaards neunten Platz. Die wahren Gewinner aber tragen Rot und Mint. Evenepoel attackierte 2,3 Kilometer vor dem Ziel, zog Godon mit, ließ dann den Sprint sausieren – ein Lehrstück in Selbstkontrolle. Lipowitz wiederum verzichtete auf Positionierungshype, kam als 36. durch – und damit exakt im Windschatten der Favoriten. Kein Zufall, sondern Taktik.

Henri uhlig stiehlt der deutschen fraktion die show
Vergessen war innerhalb von Sekunden, dass der Regensburger Henri Uhlig als bester Deutscher Achter wurde. Uhlig fuhr ein Rennen seines Lebens, doch seine Leistung wirkt wie ein Nebengleis. Denn alle Fragen kreisen um das Duo, das Bora-Chef Ralph Denk nicht mal namentlich erwähnt: „Wir schauen Tag für Tag, wer wie reagiert.“ Reagiert – nicht attackiert. Codewort für: Wir haben zwei Karten, und beide sind Trumpf.
Die zweite Etappe nach Banyoles wird erneut ein Sprint, aber die Pyrenäen kommen. Dort wird sichtbar, ob Lipowitz' Zeitfahrleistung vom Vorjahr auch bergauf reicht. Evenepoel hat bereits bewiesen, dass er 2025 die Tour nicht gewinnt – er schielte zu sehr auf die Giro-Tour-Doppelbelastung. 2026 ist seine dritte Chance, und er will sie nicht alleine bestreiten.
Die Uhr tickt. In 93 Tagen startet die Tour in Rotterdam. Bis dahin muss das Duo noch mindestens ein gemeinsames Mehr-Etappen-Rennen absolvieren, sonst wird aus der Doppelspitze schnell eine Dampflok ohne Schiene. Doch wer heute die Blicke der Direktoren, der Mechaniker, der Rennradio-Kommentatoren beobachtete, spürte: Dieses Team glaubt fest daran, dass zwei Anführer mehr sein können als eine Führungsfigur und ein Lakai.
Die Reifenbreite in Sant Feliu war nur der Anfang. In Barcelona, am Sonntag, werden wir wissen, ob der Prototyp bereit für die Massenproduktion ist. Und falls nicht – selbst ein zweiter Platz würde reichen, um die Konkurrenz wachzurütteln. Denn wer zwei Evenepoels im Windschatten hat, braucht keine Angst vor einem Pogačar zu haben. Die Tour 2026 beginnt heute, auf der Costa Brava, mit einem Hinterrad und einem Kapitän, der nicht gewann – und trotzdem triumphierte.
