Rot-weiss essen überwindet horror-woche mit sieg und herz
4:2 in Hoffenheim, sechs Punkte aus zwei Spielen – und alles dem verletzten Felix Wienand gewidmet. Rot-Weiss Essen hat seine Horror-Woche mit einem Sieg der besonderen Art beendet.
Knalltrauma, böller, sprechchöre – das spiel mit zwei gesichtern
Die Zahlen lügen nicht: 95 Minuten Spielzeit, vier Tore für RWE, zwei für Hoffenheim, ein Elfmeter, ein Debütant im Tor – und eine fast abgebrochene Partie. Doch die Statistik erzählt nur die Hälfte. Die andere Hälfte spielte sich abseits des Rasens ab, in Köpfen und Herzen.
Uwe Koschinat, sonst eher der Typ Contenance, schrie sich nach dem Abpfiff die Seele aus dem Leib. „Jeder, der nah an uns dran war, weiß: Das war eine unfassbar schwierige Woche“, sagte er später, als sei ihm selbst unklar, wie seine Mannschaft das Kunststück fertigbrachte, aus Tiefschlaf und Trauer einen Zweikampf-Sieg zu ziehen.
Die Kette der Ereignisse liest sich wie ein Drehbuch, das kein Produzent kaufen würde: 0:3 in Osnabrück, 2:3 gegen Rostock, dazwischen ein Böller, der Keeper Wienand aus dem Spiel warf. Knalltrauma, heißt es lapidar in der Mitteilung. Was das heißt? Kein Training, kein Alltag, keine Normalität. Stattdessen: Ohrensausen, Schwindel, Angst. Und ein Ersatzmann, Tino Casali, der vor sieben Tagen noch die Nummer drei war, plötzlich im Kugelhagel der Hoffenheimer U23.
Die erste Halbzeit war ein Spiegelbild: müde Beine, verlorene Zweikämpfe, ein Rückstand. Dann der Knackpunkt. Marek Janssen trifft nach 45 Minuten +2 – nicht schön, aber wuchtig. Die Kabine atmete. „Es war nicht desaströs, aber auch nicht die Intensität, mit der du eine zweite Mannschaft bespielen musst“, sagte Koschinat. Er sagte es so, als wäre er selbst überrascht, dass seine Mannschaft das Spiel trotzdem drehte.

Die bank schlug zurück – und der captain traf doppelt
Was folgte, war keine taktische Meisterlehre, sondern reine Willensenergie. Lucas Brumme kam, Dickson Abiama kam, Torben Müsel kam. Plötzlich liefen sie, als hätten sie die Woche nicht auf dem Buckel. Janssen köpfte das 2:1, später das 3:2. Dazwischen ein Handelfmeter, dazwischen ein Ausgleich, dazwischen die Szene, in der Casali mit dem Knie einen sicheren Ausgleich verhinderte. „Wir haben uns gesagt: Wir machen das für Felix“, sagte Janssen. Man hörte es ihm an, dass er nicht wollte, dass das ein Spruch bleibt.
Die Kurve schwenkte das gelbe Trikot mit der 35. Die Spieler standen darunter wie unter einem Schutzwall. „Felix Wienand“-Rufe, Minute um Minute. In einer Liga, in der Böller normalerweise nur für Kurzzeitrituale stehen, wurde hier ein Keeper zum Symbol. Nicht für Titel, nicht fürs Geld – sondern für Zusammenhalt.

Tabellendritter mit sechserpack – und jetzt kommt aue
Die Tabelle ist ein Nebenschauplatz, aber sie lügt selten. Rot-Weiss Essen ist Dritter, zwei Punkte hinter dem Spitzenpaar. Die nächsten Gegner: Aue, die in der Rückrunde noch kein Spiel gewannen, und Viktoria Köln, die seit fünf Spielen nicht mehr siegten. Das klingt nach machbaren Aufgaben. Doch Koschinat weiß: „Wir haben keine Zeit, Luft zu holen.“ Wienand wird weiter fehlen, die Ohren werden noch Tage brummen.
Am Rande des Spielfelds stand ein Mann mit Kapuze, der nicht jubelte. Es war Wienand selbst. Er hatte sich in die Kabine geschleppt, um die letzten Minuten mitzuerleben. Als Müsel das 4:2 erzielte, hob er die Hand – nicht zum Jubel, sondern als Gruß. Die Mannschaft rannte zu ihm, nicht zur Kurve. Ein Bild, das bleibt. Kein Sieg für die Statistik, sondern einer für die Seele.
Die Saison ist noch lang, aber diese Woche war ein Abnabelungsprozess. Wer so siegt, der trägt mehr als drei Punkte mit sich. Er trägt eine Geschichte. Und die beginnt mit einem Böller und endet mit einem Tor – und mit der Gewissheit, dass selbst eine Horror-Woche ein Happy End haben kann, wenn sich eine Mannschaft zusammenrauft und ein Torwarttrikot wie eine Fahne in den Himmel hält.
