Elisa longo borghini jagt in cittiglio den nächsten klassiker-sieg
Um 12.45 Uhr rollt das Frauenpeloton in Luino los, 150 km später entscheidet sich in Cittiglio, wer den 27. Trofeo Alfredo Binda für sich beansprucht. Die Kurve durch die Varesotto ist mehr als ein Rennen – sie ist das Herzstück des italienischen Frauenradsporters. Wer hier gewinnt, schreibt sich in die Liste der Unvergesslichen ein.
Longo borghini gegen vos – das duell der generationen
Elisa Longo Borghini trägt das Trikot der italianischen Meisterin, hat in dieser Saison schon die UAE Tour und das Trofeo Oro in Euro gewonnen. Die 32-Jährige kennt die Anstiege rund um Cittiglio wie ihre Westentasche, siegte 2013 und 2021. Doch Marianne Vos, vierfache Siegerin zwischen 2009 und 2019, ist zurück. Die Niederländerin liebt die kurzen Steigungen, die engen Dorfdurchfahrten, den Nebel über dem Lago Maggiore. „Wenn die Straße steigt, zählt nur der Wille“, sagte sie gestern kurz angebunden. Wer genau hinsieht, erkennt: Der Wille steht ihr noch immer ins Gesicht geschrieben.
Die Startliste liest sich wie ein Who-is-Who des Weltcups: Weltmeisterin Megan Vallieres, Katarzyna Niewiadoma, Lotte Kopecky, Anna van der Breggen als Co-Sportliche Leiterin hinter den Kulissen. Fehlt wird Elisa Balsamo, die 2025 hier triumphierte – verhindert durch eine Schulterverletzung. Dafür rücken Youngster wie Vittoria Guazzini und Silvia Zanardi in den Fokus. Die neue Generation will endlich den Durchbruch auf italienischem Boden.

Der juniorinnen-vorlauf wird zum weltweiten schaulaufen
Drei Stunden vor der Elite startet der Nachwuchs. 163 Fahrerinnen aus 29 Nationen, darunter komplette Nationalteams aus Spanien, Polen und Mexiko. Der Piccolo Trofeo Alfredo Binda ist Partie der Nations’ Cup Junior Women und damit direkte Eintrittskarte für die U17-Weltmeisterschaften. Die 17-jährige Britin Zoe Backstedt, Tochter des ehemaligen Tour-de-France-Etappensiegers Magnus, gilt als Favoritin. Sie fuhr im Winter Trainingslager in den höheren Lagen der Sierra Nevada, kennt sich auf steilen Rampen aus. Wer hier oben auf dem Podium steht, kann sich Hoffnung auf eine Profikarriere machen.
Die Rennstrecke selbst ist ein Schachbrett: 2.800 Höhenmeter, fünf Runden über die Madonna del Ghisallo, Schlüsselberg ist der Colle del Casano. Die Teams müssen entscheiden, ob sie früh oder spät attackieren. Die Antwort auf diese Frage entscheidet oft über Sieg und Niederlage. Die Wetterprognose verspricht 12 Grad Celsius und leichten Regen – klassisches Binda-Wetter, das die Lügenstraßen rutschig macht und bereits viele Favoritinnen ins Aus beförderte.

Cittiglio feiert seinen helden neu
Alfredo Binda, der erste italienische Weltmeister, wurde 1902 hier geboren. Sein Name ist Programm. Das Dorf verwandelt sich in ein einziges Festzelt: Schulklassen malen Radler auf Asphalt, die Bäcker backen pink-farbene Cupcakes, und der örtliche Chor probt „Va pensiero“ mit neuen Texten über Pedale und Passione. Mario Minervino, Organisator und Präsident von Cycling Sport Promotion, strahlt: „Wir haben 400 Freiwillige, 50.000 Euro an Preisgeld und ein Straßenverkehrskonzept, das selbst die Carabinieri loben.“ Dazu kommt das Projekt „Pedala in sicurezza!“, das bereits 1.200 Grundschulkinder auf Sicherheit trainiert hat.
Die Siegerin erhält nicht nur einen Scheck, sondern auch ein original Bindagemälde – gemalt von der 82-jährigen Lokalmatadorin Giuseppina Ravasio. „Ich male nur mit Herzblut“, sagt sie und hat schon Vos’ Siegerporträt 2012 signiert. Das Bild hängt heute im Gemeindehaus. Wer es betrachtet, spürt die Aura der Vergangenheit – und ahnt, dass morgen ein neues Gesicht hinzukommt.
Am Ende bleibt eine Gewissheit: Cittiglio ist mehr als ein Zielort. Es ist der Ort, an dem Frauenradgeschichte geschrieben wird – seit 27 Jahren, und die nächste Seite folgt am Sonntag um 15.30 Uhr, wenn das Peloton den leichten Anstieg zur Zielgerade hinaufdüst. Wer dann die Arme hebt, wird nicht nur Rennen gewonnen. Sie gewinnt ein Stück Unsterblichkeit.
