Bartoli gründet nachwuchs-akademie: „italien braucht keine millionen, es braucht pläne“
Michele Bartoli steigt wieder in den Sattel – diesmal ohne Radcomputer und Zeitmessung. Der ehemalige König der Frühjahrsklassiker hat an der Riviera della Versilia 15 Jugendliche um sich versammelt, statt zu protzen, packt er seinen Trao in zwei Sätze: „Ich will zeigen, wie man aus Talent echte Fahrer baut. Und ich will, dass ihre Eltern lernen, was Profi wirklich heißt.“
Von montecarlo bis vicopisano: die neue heimliche basis italiens
Die Michele Bartoli Academy ist keine Stiftung, kein Team, keine Marketing-GmbH. Sie ist ein Holzschuppen mit Rolltrainer, ein Feldweg hinter den Hügeln von Lucca – und ein Konzept, das laut Bartoli „alles abdeckt, was ein 14-Jähriger braucht, ohne ihn zu verheizen“. Montecarlo di Lucca liefert die Trainingsumgebung, Vicopisano die Schulräume. Dazwischen: eine Gruppe von Sponsoren, die keine Trikots kaufen, sondern jährliche Beiträge zahlen, „weil sie wissen, dass italienische Lizenzteams in fünf Jahren keine Fahrer mehr finden“, sagt Bartoli.
Die Zahl 15 ist Programm. „Wenn du 30 nimmst, kennst du keinen beim Namen“, meint er. Die Tagesordnung liest sich wie ein Mix aus Altmeister-Wissen und Sportwissenschaft: Frühstück mit Eltern, Rollentraining, Mittagessen, Hausaufgaben, abends zwei Stunden Rennspiel auf verschlossenen Straßen. Kein Powermeter für die U15, dafür ein einzelnes Wattbike, „damit sie lernen, was 400 Watt bedeuten, wenn sie mal selbst drauf sitzen“.

Der plan, der kein etappenplan ist
Bartoli redet nicht vom nächsten Giro-Sieg. Er redet von 2028. „Dann sind meine Jüngsten 18, und wenn zwei davon bei der Tirreno-Adriatico starten, ist die Akademie ein Erfolg.“ Einen Zeitplan gibt es nicht, nur Meilensteine: erst die Junioren-Lizenz, dann ein eigener Velodrom-Trainingsring, den er gemeinsam mit der Gemeinde plant. Die Kosten: 1,2 Millionen Euro. „In Italien fehlt nicht das Geld, es fehlt die Geduld“, sagt er und zählt auf: eine Molkerei aus der Provinz Prato, eine Kette von Fahrradläden, ein Automobilzulieferer. „Kein Logo auf dem Trikot, dafür fünfjahresverträge für die Kids.“
Die Eltern sitzen im selben Raum wie die Mechaniker. „Wenn Mama versteht, warum der Sattel zwei Zentimeter runter muss, wird sie auch akzeptieren, dass der Sohn Samstagabend statt zur Kommunion zum Rennen fährt.“ Bartoli nennt das „Familien-Performance“ – ein Wort, das es in keinem Lehrbuch gibt, aber in seiner Stimme klingt es, als hätte er es erfunden.
Warum das rennen der zukunft in einem verlassenen kieswerk steigt
Der Parcours, den Bartoli auserkoren hat, ist 1.300 Meter lang, hat kein Asphaltband, dafür ein Gefälle von elf Prozent und Wind von drei Seiten. „Ideale Bedingungen für Schaltvorgänge unter Last“, sagt er und lacht über sein eigenes Jargon-Deutsch. Hier fährt kein TV-Helikopter über das Feld, dafür filmen zwei Handys das Zeitfahren – und senden es in die WhatsApp-Gruppe der Eltern. „Transparenz ist unser Doping“, sagt Bartoli, „wenn alle sehen, wie langsam der Sohn auf den letzten 300 Metern wird, versteht auch der Vater, warum wir Mittwoch Sprint-Staffel machen.“
Die Ergebnisse sind schon sichtbar: Drei Fahrer holten in diesem Winter Podestplätze bei Renennen der Kategorie „Allievi“, zwei weitere wurden in die nationale Auswahl berufen. Bartoli selbst fuhr dazwischen 200 Kilometer allein durch die Toskana, „um nicht nur zu reden, sondern zu spüren, wie sich der Wind 2024 anfühlt“. Sein Rücken ist noch gerade, seine Stimme klingt, als hätte er nie aufgehört, Angriffe zu timen.
Was er wirklich will – und warum er es nicht laut sagt
Der Traum vom eigenen ProTeam schwingt mit, doch Bartoli weiß, dass der Ruf „ich will eine WorldTour-Lizenz“ in Italiens Medien nur drei Tage hält. Also formuliert er es anders: „Ich will, dass in zehn Jahren ein Fahrer an der Tirreno-Adriatico steht und sagt: Ich bin hier, weil Bartoli mich 2024 auf diesen holprigen Weg geschickt hat.“ Die Quote dafür liegt bei 6,7 Prozent – wenn von 15 Kids einer die Elite schafft, hat er die Nase voll. „Statistisch gesehen ist das ein Erfolg, emotional gesehen ein Sieg über das, was italienischen Sport seit Jahren kaputt macht: die Angst, nur dann zu investieren, wenn der Erfolg schon vor der Tür steht.“
Abends rollt er mit den Jungs zur Strandpromenade von Lido di Camaiore. Die Profis der Tirreno fahren gerade ihre Ausfahrt, die Fans rufen nach Pogačar und Evenepoel. Bartoli bleibt im Hintergrund, aber die Kids schauen nicht auf die Stars – sie schauen auf ihren Mentor. „Das ist mein Kraftwerk“, sagt er und deutet auf die 15 Fahrräder, „hier wird Strom erzeugt, der in fünf Jahren auch die großen Teams hell erstrahlen lässt.“ Dann dreht er sich um und fährt zurück – ohne Zeitmessung, aber mit Tempo. Die Zukunft des Radsports ist noch ein Stückchen schneller geworden.
