Einbeiniger glötzner fliegt wieder hin – cortina bleibt seine hölle

Cortina d'Ampezzo – Knall, Rauch, aus. Christoph Glötzner scheidet erneut mit einem Flug über die Tofana-Schanzen aus, und diesmal tut es dreimal so weh. Der 22-jährige Oberpfälzer, der mit nur einem Bein Ski fährt, klappt nach 18 Tores die Torstange weg, dreht sich zweimal um die eigene Achse und landet hart auf dem linken Hüftknochen. Kein Finisher, keine Rangliste, kein Trostpflaster.

„Ich wollte endlich eine Zahl stehen haben“, sagt er nach dem Riesenslalom, den er als Sechster der Weltcup-Gesamtwertung eigentlich attackieren wollte. Stattdessen schreibt die Anzeigetafel wieder nur ein großes DNS – Did Not Start, weil der erste Lauf schon reichte, um den Traum zu beenden.

Die tofana frisst einbeinige zum frühstück

Was die Strecke für Beiner mit 62 % Gefälle und eisigen Wellen fordert, wird für Einbeinige zur Falle. Die Absätze rutschen weg, das Prothesen-Knie kippt ein, und schon ist man in der Luft. Von 18 Startern mit Beinamputation schafften nur drei den ersten Lauf. „Wenn du nur ein Bein hast, kannst du nicht federn, du kannst nur hoffen“, sagt Glötzner. Die Statistik spricht klar: 83 Prozent Ausfallquote in seiner Startklasse.

Der Sturz in Cortina ist keine Einzelfehler-Geschichte. In Peking 2022 ging er schon im Training zu Boden, zog sich eine Schleudertrauma-Prellung zu und startete nur im Slalom – wieder ohne Ergebnis. Sein Körpergedächtnis speichert mittlerweile mehr Crashs als Zieleinfahrten.

Slalom als letzte scharte – risiko bis zur selbstaufgabe

Slalom als letzte scharte – risiko bis zur selbstaufgabe

Am Sonntag steht der Slalom an. Gleiche Piste, andere Rhythmen, aber dieselbe Rechnung: Volles Risiko oder gar nichts. „Ich werde wieder alles raushauen, koste es, was es wolle“, sagt Glötzner. Kein Plan B, keine Sicherheitsfahrt. Für ihn gibt es nur Schwarz oder Weiß, keine Graustufen. Dabei ist der Druck längst nicht mehr nur sportlich. Sponsoren wollen Resultate, der Deutsche Skiverband wartet auf sein Aushängeschild, und er selbst will endlich beweisen, dass ein Bein reicht, um ganz oben zu stehen.

Die Nerven liegen blank. Sein Servicemann Philipp klebt früh morgens die Kanten, doch selbst das beste Wachs kann keine Prothese erfinden, die bei 80 Stundenkilometern nicht wegrutscht. Die Physios haben seine Hüfte mit Tape überzogen, die Sturzstelle ist blau angelaufen. „Schmerzen sind Nebensache“, sagt er, „wenn das Tor kommt, spüre ich nichts.“

Rauen und wilke als kontrastprogramm

Rauen und wilke als kontrastprogramm

Während Glötzner mit leeren Händen dasteht, liefern Alexander Rauen und Guide Jeremias Wilke wenigstens eine halbwegs erfreuliche Zahl. Die Sehbehinderten-Duo rangiert im Zwischenklassement auf Platz zwölf, 11,47 Sekunden hinter dem italienischen Vorzeigepaar Giacomo Bertagnolli / Andrea Ravelli. Für Rauen ist das ein solider Angriffsboden für Lauf zwei; für Glötzner ein weiterer Beweis, dass Cortina nicht grundsätzlich unbarmherzig ist – nur für Einbeinige.

Die Titelverteidigung von Bertagnolli wirkt wie ein Spiegel, der Glötzners Leere vergrößert. Fünf Mal Gold, keine Ausscheidungen. So sieht Perfektion aus, wenn man zwei Beine und zwei Augen hat.

Letzte chance sonntag – oder die zahnlücke bleibt

Der Slalom beginnt um 09:30 Uhr. Glötzner wird wieder als einer der Ersten gehen, weil seine Weltcup-Punkte ihn in die Top-Startgruppe katapultieren. Die Piste ist dann noch rau, die Eisstangen glitzern. Ein Fehler, und die Saison ist beendet, der Pechsträhne ein weiteres Kapitel gewidmet.

Er weiß, dass die Medien bald nach anderen Stories suchen. Einbeinige, die ständig stürzen, sind keine Schlagzeilen mehr, nur noch Fußnoten. Deshalb wird er wieder in die Kurve brettern, das Bein anziehen und den Stöckeschwung maximal ausladen. Wenn es reicht, hat er endlich seine Nummer. Wenn nicht, bleibt die Leere – und ein leeres Excel-Sheet auf der FIS-Website.

Die Uhr tickt. Cortina hat zwei Mal zugesagt und zwei Mal zugeschlagen. Sonntag ist Glötzners letzter Tanz auf einer Piste, die ihm offenbar nicht verziehen ist. Er wird tanzen, ob mit oder ohne Bein – und wenn er fällt, dann wenigstens mit Stil.