Duplantis knackt 6,31 m: die letzten zentimeter vor dem limit
6,31 Meter – ein Satz, der am 12. März in Uppsala durch die Halle flog und sofort die nächste Frage aufwarf: Wann wird er endlich stoppen? Armand Duplantis nahm sich 15 Minuten, atmete durch, ließ sich von seinem Vater Greg ein neues Stück Kinesio-Tape über die Rippen ziehen und stellte dann die 15. Weltbestmarke seines Lebens auf. Die Prämie: 100 000 Dollar. Die Botschaft: Er springt noch längst nicht zu Ende.
Die Zahl 6,31 ist keine willkürliche Dekoration der Tafel. Sie ist das Ergebnis einer Rechnung, die der Schwede seit seiner Kindung in Lafayette, Louisiana, im Kopf hat: 10,3 Meter pro Sekunde Anlauf, 11,5 Flex-Stärke, 1,83 Meter Griffs höher als 2020. Drei Parameter, ein Ziel – und ein Athlet, der sich selbst als Versuchskaninchen und als Ferrari zugleich betrachtet.
Sergej bubkas erbfolge ist längst angetreten
1984 sorgte ein Ukrainer namens Bubka dafür, dass die Leichtathletik-Welt jeden Rekord mit Rubel und Dollar verrechnete. 35 Mal riss er die Latte eine Spur höher, kassierte 40 000 Dollar pro Zentimeter und machte das Stabhochspringen zum Nebenfach der Sportökonomie. Duplantis kennt die alten VHS-Bänder auswendig, aber er schaut sie heute nur noch mit der Fast-Forward-Taste. „Ich will wissen, wie er die Hüfte dreht, nicht, wie er sein Geld zählte“, sagt er. 2026 ist das Business brutaler: Jede Marke muss sofort viral gehen, sonst verflüchtigt sich das Sponsoring.
Die 6,15 Meter von Bubka, 1993 in der Halle von Donetsk gesprungen, hielten 21 Jahre. Duplantis zerbrach sie 2020, war 20 Jahre alt und kassierte gerade mal 5 500 Euro – ein Scherz im Vergleich zur heutigen Rate. „Ich habe meine Eltern gefragt, ob ich mir für das Geld überhaupt ein neines Spikes-Modell leisten kann“, erinnert er sich und lacht ohne Selbstmitleid. Heute kassiert er ein Vielfaches, aber die Rechnung bleibt identisch: höher, schneller, reicher – und das in exakt dieser Reihenfolge.

Das geheimnis liegt im stab, nicht im himmel
5,20 Meter Carbon, 185 Gramm Leichtbau, 11,5 Flex-Stärke – ein Wert, der vor fünf Jahren noch undenkbar war. Greg Duplantis, Vater und Chefcoach, erklärt es so: „Jeder Hundertstel, den wir die Steifigkeit reduzieren, katapultiert Mondo zwei Zentimeter höher – wenn das Timing sitzt.“ Das Timing wiederum ist eine Millisekunden-Arbeit. Zu früh abgestoßen, knickt der Stab durch. Zu spät, bleibt Enerie im Rohr. Die Lösung: 120 Mikrofone unter der Aufsprungmatte, ein Lasergitter über der Latte, Datenberge, die nachts in Louisiana ausgewertet werden.
Der Sprinter-Weitspringer-Turner, wie Duplantis sich selbst nennt, läuft 37 Stundenkilometer, ohne zu beschleunigen. Sein Körper ist ein schwingendes Pendel, das erst dann stillsteht, wenn die Latte untenliegt. „Ich spüre die 6,40 schon unter den Füßen“, sagt er. „Aber ich spüre auch, dass sie mich noch nicht will.“

Karalis weckt den wettkampfgeist
Grieche Emmanouil Karalis sprang in Torun 6,17 Meter und sorgte dafür, dass Duplantis nicht mehr nur gegen die Schwerkraft springt. „Endlich jemand, der mich anschreit, statt nur zuzusehen“, sagt der Schwede. Die Konkurrenten sind jünger, größer, hungriger. Doch Greg Duplantis kühlt die Euphorie: „Mondo ist 26. Bei 30 ist die Kraftspitze erreicht. Dann kommt die feine Tuning-Phase.“ Übersetzt: Die Gegner haben vier Jahre Zeit, sich an die neue Realität zu gewöhnen – danach wird es nur noch teurer.
Die Augenoperation im vergangenen Winter war die letzte Optimierung. Keine Kontaktlinsen mehr, keine Angst vor Flusen. „Ich sehe die Latte jetzt in 4K, nicht mehr in SD“, scherzt er. Die Ironie: Je klarer der Blick, desto kleiner wird die Latte im Blickfeld. Die Herausforderung bleibt dieselbe: ein Stückchen Holz, ein Stückchen Geld, ein Stückchen Geschichte – und ein Schwede, der noch nicht mal mittags müde wird.
Die nächste Station ist Glasgow, dann Paris. Die Latte liegt bereits bei 6,32 Metern bereit. Die Dollar sind gestapelt. Und Duplantis? Der lächelt nur, schnallt sich die alte Musikbox an die Hüfte, drückt Play – Kanye West, „Stronger“ – und rennt. Die Halle verstummt. Die Zeit auch. Dann klappert das Fiberglas, und alle wissen: Es sind wieder ein paar Zentimeter gefallen. Vielleicht die letzten, die noch jemand bezahlen kann.
