Dsv-skandal: schwaiger und neureuther enthüllen systemfehler beim nachwuchs
Der deutsche Skizirkus schlägt Alarm. Im französischen Courchevel, wo sonst die Stars glänzen, diskutierte man am Samstag über verpasste Qualifikationen, fehlende Technik – und ein Ausbildungssystem, das den Anschluss verloren hat. Christian Schwaiger, 57, Bundestrainer der Herren, sprach in der Sportschau von einem „Fehler im System“. Fünf Worte, die durchs deutsche Skilager gingen wie ein Pulverschnee durch eine alte Skibindung.
Warum nur zwei fahrer starteten und beide versagten
Simon Jocher, Rang 41. Maximilian Schwarz, Rang 46. Mehr war am Freitag nicht drin. Kein Deutscher fuhr unter die Top-30, keiner qualifizierte sich für das Weltcup-Finale in Kvitfjell. Der beste deutsche Abfahrer, Luis Vogt, fehlte verletzt – und wäre selbst mit seiner Saisonbestleistung nur 27. gewesen. Die Konsequenz: Deutschland reist ohne Speed-Hoffnung nach Norwegen. Drei Jahre nach der Heim-WM, bei der noch vier gestandene Fahrer am Start waren, steht der DSV vor dem Nichts.
Schwaiger legte nach: „Wir brauchen extrem lange, bis ein Athlet die Basics beherrscht. Und wenn er dann im Weltcup steht, fange ich wieder bei fundamentalen Dingen an.“ Sprünge, Wellenfahren, Kantenwechsel – das sei seine Aufgabe, nicht die des Nachwuchses. Die Technik-Ausbildung, so der Coach, verlaufe „zu spät, zu zögerlich“. Ein Satz, der intern für Diskussionen sorgte, weil er die Skigymnasien und Landesverbände offen kritisiert.

Neureuther zieht vergleich zum fußball
Felix Neureuther, 13 Weltcup-Sieger, schaltete sich ein. Sein Bild: Ein Fußballtrainer, der den Kids erst beibringt, wie man Schuhe bindet. „So fängt der DSV an, statt zu spielen.“ Der 41-Jährige fordert Geld, Logistik, klare Strukturen. Drei Standorte – Oberstdorf, Berchtesgaden, Garmisch – müssten zu High-Performance-Zentren werden. „Schule und Spitzensport müssen laufen wie ein Zahnrad, nicht wie ein Wackelkontakt.“
Die Zahlen untermauern die Wut. 2013 noch sicherte sich Deutschland fünf Speed-Podiums. In dieser Saison: null. Vogts Streif-Achter war ein Ausreißer, kein Trend. Die Konkurrenz aus Österreich, der Schweiz und Italien schickt Teenager auf die Piste, die bereits 40.000 Pistenkilometer im Rücken haben. Deutsche Athleten kommen mit 20 auf die Weltcup-Ebene – und müssen dann erst die Kurstechnik neu lernen.
Der DSV reagierte am Samstag vage: „Wir prüfen intern.“ Doch wer mit Funktionären spricht, hört: Der Verband fehlt an Geld, an Nachwuchs-Trainern, an Durchsetzungskraft gegenüber den Ländern. Die Folge: Ein Generation wechselt ohne Nachfolge. Dreßen und Ferstl sind pensioniert, Baumann beendete in Garmisch, Sander kämpft mit Epstein-Barr. Die neue Garde rutscht ins Mittelmaß.
Schwaiger will „so schnell wie möglich“ ein Konzept. Schneller als die Zeit, die Deutschland braucht, um wieder in die Weltspitze zu fahren. Die Uhr tickt. In neun Monaten beginnt die Olympia-Saison. Wer dann nicht parat ist, fällt durchs Raster – und der Systemfehler wird zur Dauerschleife.
