Dobrick bricht tabu: erster bundesliga-trainer outet sich während karriere

Der Mann, der sonst nur über Pressing und Positionswechsel spricht, hat jetzt einen Schritt gemacht, der die Liga erschüttert. Christian Dobrick, U19-Trainer des FC St. Pauli, sagt frei heraus: „Ich bin schwul – und das wollte ich einmal gesagt haben.“ Kein Ex-Profi, der nach Karriereende seine Biografie aufpeppt, sondern ein aktiver Coach, dessen nächstes Spiel am Wochenende ansteht.

„Schwule gelten als außerirdische“ – dobrick zerpflückt fußball-machokultur

Sein Satz trifft mitten ins Herz eines Systems, das sich gern als modern und weltoffen inszeniert. Dobrick lacht nicht, wenn er vom „rhetorischen Eiertanz“ erzählt, den er jahrelang tanzte. Auf Mannschaftsfahrten schleppte er Extra-Koffer, nur damit niemand fragt, warum er nie von seiner Freundin spricht. Er kassierte Sprüche wie „Schwuchtel“ auf dem Platz, hörte sie in Umkleidekabinen, spürte den Blick, wenn sich Spieler über „warme Brüder“ mokieren. „Das frisst Energie, die ich eigentlich in Trainingssteuerung stecken wollte“, sagt er knapp.

Die Zahlen geben ihm recht. Eine Studie des Deutschen Fußball-Bunds aus 2024 listet 63 % der 2.000 befragten aktiven Profis auf, die homosexuelle Mitspieler für „nicht gut fürs Team“ halten. Kein einziger Bundesliga-Profi outete sich während seiner Laufbahn. Hitzlsperger wagte es 2014 – mit 32 Jahren, drei Monate nach Karriereende. Dobrick ist 29, steht morgen wieder an der Seitenlinie.

St. pauli liefert sofortiges statement – andere klubs schweigen

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Während andere Vereine am Montag Pressekonferenzen zu Transfers geben, schickt St. Pauli nur zwei Sätze – und trifft ins Schwarze. „Lieb’, wen du willst!“ steht auf der Club-Website, direkt unter Dobricks Foto. Präsident Oke Göttlich telefoniert selbst, versichert „volle Rückendeckung“, egal ob Liga zwei oder Bundesliga. Kein Nebengerausch, kein „wir prüfen intern“. Dobrick sagt, er habe Göttlich vorher informiert – und keine Gegenfrage bekommen.

Der Coach weiß, dass sein Coming-out keine Lösung ist, sondern ein Anfang. Er will kein Poster-Boy sein, will „nicht der schwule Trainer“ bleiben, sondern einfach Trainer. Trotzdem hat er schon die ersten Mails aus der 2. Liga: „Du gibst mir den Mut, weiterzumachen.“ Ein 18-jähriger Regionalliga-Spieler schreibt, er wolle jetzt mit seinem Vater reden. Dobrick leitet die Nachricht weiter an St. Paulis Psychologen-Team – sofort, ohne PR-Berater.

Die Liga selbst reagiert zögerlich. DFB-Vize Ralf Rangnick sagt, „mehr Vielfalt“ sei „wünschenswert“, nennt aber keine konkreten Schritte. Dobrick lacht schulterzuckend: „Wenn der nächste Schiri ‚schwul‘ als Beleidigung ahndet, ist das schon ein Fortschritt.“

Am Millerntor wird am Sonntag gespielt, U19 gegen Werder Bremen. Dobrick steht wie immer in schwarzer Jacke an der Linie, schreit Anweisungen, schüttelt Köpfe über verpasste Zweikämpfe. Rund 200 Zuschauer werden da sein – und wissen jetzt, dass ihr Coach nicht mehr nur für Taktik steht, sondern für eine ganze Branche, die endlich lernen muss, dass Talent nichts mit Sexualität zu tun hat. Er selbst will danach nicht feiern, nur gewinnen. „Drei Punkte“, sagt er, „das ist meine Revolte.“