Dhb zögert: gislasons schicksal liegt offen auf dem tisch

Der Deutsche Handballbund spielt auf Zeit. Während Alfred Gislason öffentlich nach Verlängerung bettelt, schiebt Ingo Meckes die Entscheidung auf „spannende Monate“ – und riskiert, die Nationalmannschaft ins Kontrolliert-Chaos zu manövrieren.

Die uhr tickt lauter als zugegeben

Meckes beteuert, keinen „unmittelbaren Druck“ zu verspüren. Doch die Fakten sprechen eine andere Sprache: In elf Monaten startet die Heim-WM, Vertrag hin oder her. Wer dann auf der Bank sitzt, muss spätestens im Sommer wissen, ob er noch Projekt Olympia 2028 erben darf. Die Frist ist längst gesetzt – nur wagt es niemand, sie laut auszusprechen.

Gislason selbst wirkt wie ein Mann, der die Antwort schon kennt, sie aber nicht formulieren darf. „Ich werde diese Entscheidung akzeptieren“, sagt er mit der Gelassenheit eines Trainners, der zwei Silberminen hintereinander abgebaut hat. Paris 2024, Zagreb 2026 – das sind keine Zufallsprodukte, sondern Visitenkarten. Dennoch: Der Isländer spürt den kalten Wind aus der Dortmunder Halle, wo heute Abend Ägypten die deutsche Abwehr testet. Freundschaftsspiel? Richtig. Dennoch ein Stimmungsbild.

Die machtfrage hinter der kulisse

Die machtfrage hinter der kulisse

Intern brodelt es. Die Bundesliga-Funktionäre fordern mehr Einfluss auf die Nachwuchskoordination, der ehrenamtliche Vorstand pocht auf seine Kompetenz. Dazwischen hängt Gislason wie ein Pendel, das niemand aufhängen will – aber alle schubsen. Meckes‘ Satz „wir wägen alle Möglichkeiten ab“ klingt in diesem Kontext nach Protokoll statt Führung. Was heißt „alle Möglichkeiten“? Interne Umfrage, externe Berater, ein Kompromisskandidat, der noch gar nicht auf dem Radarschirm steht? Keine Antwort. Nur ein verschwörerisches Schweigen, das lauter ist als jedes Pressestatement.

Die Spieler schauen weg. Kapitän Johannes Golla redet lieber über ägyptische Kreisläufer als über die Trainerfrage. Das ist kein Zufall. Wer sich positioniert, riskiert, in einem möglichen neuen Konzept als „Gislason-Spieler“ abgestempft zu werden. Also halten alle die Fassade, während hinter den Kulissen schon die nächste PowerPoint-Präsentation läuft.

Der silberfluch als erbschaft

Zwei Finalniederlagen gegen Dänemark – das ist gleichzeitig Auszeichnung und Tadel. Gislason hat das Team stabilisiert, aber nicht entscheidend geknackt. Für den Verband ist das ein Luxusproblem: zu gut, um ihn rauszuwerfen, nicht gut genug, um ihn längerfristig zu sichern. Die Heim-WM 2027 als mögliche Krönung? Eine romantische Vorstellung. Realistischer ist das Szenario, dass ein neuer Coach die Vorbereitung übernimmt und Gislason zum Ehrenbotschafter degradiert wird – warmes Handshake, kalte Entmachtung.

Die Zeitlupe ist kein strategischer Meisterzug, sondern ein Reflex aus Angst vor dem eigenen Schatten. Denn wer jetzt nicht Ja sagt, sagt irgendwann Nein – und das mitten in der Vorbereitung auf eine WM, die laut DHB-Präsident Andreas Michelmann „die größte Sportart-Sause seit 1974“ werden soll. Ein Trainer im Zwielicht, eine Mannschaft im Wartezustand, ein Verband in der Identitätskrise. Das ist die unbequeme Wahrheit hinter dem offiziellen „wir nehmen uns Zeit“.

Am Ende zählt nur eins: Wer 2028 in Los Angeles Gold will, muss heute Klarheit schaffen. Die Silberfolie funktioniert nur, wenn sie nicht zerfetzt wird. Und genau das droht, wenn der DHB weiterhin beschönigt statt handelt. Die Uhr tickt. Gislason wartet. Die Spieler auch. Und das Publikum beginnt, sich die nächste Enttäuschung einzuprogrammieren.