Dfb zieht konsequenzen aus katar: rettig will nationalteam vor politik schützen
Andreas Rettig will keine Wiederholung der Katar-Pleite. Der DFB-Geschäftsführer kündigt ein Konzept an, das die deutsche Nationalmannschaft künftig vor politischen Debatten abschirmt – und stellt sich damit gegen das Selbstverständnis mancher Stars.
Die lehre aus dem vorrundenaus
Die WM 2022 endete für Deutschland mit einem Debakel. Nicht nur sportlich, auch innenpolitisch. Die Bilder der Hand vor dem Mund, die Diskussionen über One-Love-Binden und die anschließende Frage, ob der Verband seine Spieler im Stich gelassen hatte – sie verfolgen den DFB bis heute. Rettig nennt das, was damals schieflief, lapidar „Störfaktoren“. Gemeint ist: alles, was nicht Fußball ist.
Sein Vorschlag klingt radikal. Themen, die in der Kabine brodeln könnten, will er „vorher abräumen“. Kein Statement mehr ohne Absprache. Kein Shitstorm mehr, bevor der erste Ball rollt. Klingt nach Kontrollwahn, ist aber Kalkül. Denn der Verband hat verstanden: Wer sich in den Kulturkämpfen der USA wiederfindet, ohne sich auf das Turnier vorzubereiten, fliegt wieder in der Gruppenphase.

Kimmich und tah kriegen den zettel
Erste Anrufe wurden schon geführt. Kapitän Joshua Kimmich und sein Stellvertreter Jonathan Tah saßen bei Rettig und Sportdirektor Rudi Völler am Tisch. Die Botschaft: Ihr dürft euch äußern – aber wir bestimmen, wann und wie. „Wir werden das aus Verbandssicht kommentieren“, sagt Rettig. Übersetzt: Die Spieler sollen Fußball spielen, der DFB übernimmt das Diskutieren.
Ein Paradigmenwechsel. Früher war Selbstorganisation gefragt, jetzt ist es Bevormundung. Rettig nennt das „Orientierung geben“. Klingt nach Elternabend, ist aber die Reaktion auf vier Jahre Selbstinszenierung, die am Ende mit zwei Vorrundenklappen endete.

Trump, trans und trikotfarben
Die nächste WM rückt näher. Gastgeber: USA, Mexiko, Kanada. Start: 11. Juni 2026. Begleiterscheinung: Donald Trump, der wieder im Weißen Haus sitzen könnte. Themen wie Trans-Rechte, Abtreibung, Waffenbesitz – alles wird wieder auf dem Tisch liegen. Der DFB will das Feld vorab umpflügen, statt sich auf dem Rasen überrumpeln zu lassen.
Rettigs Mantra: „Der Fokus liegt auf dem Sportlichen.“ Klingt einfach, ist es nicht. Denn die Spieler sind längst keine Stubenhocker mehr. Sie haben Meinungen, Follower, Markenpartner. Und sie wissen: Schweigen kann genauso laut sein wie Sprechen.
Die Frage ist nur: Wer bestimmt, wann Fußball aufhört und Politik beginnt? Der Verband, der sich gerade selbst neu erfindet? Oder die Stars, die sich nicht mehr als Sprachrohr missbrauchen lassen wollen?
Die Antwort wird in den USA fallen – und sie wird sich in Toren und Punkten messen lassen. Alles andere ist Nebensache, zumindest für Rettig. Sein Ziel: Ein Viertelfinale, das nicht im Medienrummel versinkt. Ein Turnier, das man am Ende nicht für verpasste Chancen, sondern für gelungene Taktik feiert. Ob das reicht, wird sich zeigen. Sicher ist nur: Der DFB hat die Lektion Katar verstanden – und übertreibt sie gerade mit deutscher Gründlichkeit.
