Deutschland jagt para-talente im krankenhaus
„Wir fahren ins Krankenhaus und zeigen unseren Sport.“ Das ist keine Satire, sondern Alltag. Jörg Wedde, Kapitän der deutschen Para-Eishockey-Nationalmannschaft, beschreibt so die „blutige Akquise“, mit der der Deutsche Behindertensportverband Nachwuchskräfte rekrutiert – weil es sonst niemand tut.
Systemversagen statt förderung
Bei den Paralympics 2026 in Mailand/Cortina reist das drittgrößte Team der deutschen Geschichte an. Die Zahl blendet. Dahinter stehen Einzelschicksale, Zufallsfunde und ein Strukturchaos, das weder Geld noch Konzepte bereithält. 196 Athleten fordern zusätzliche Förderplätze, deren Finanzierung offen ist. Wedde spielt das offen aus: „Wann immer jemand unter eine Bahn fällt, werden wir hellhörig.“
Alexander Rauen, 24, Skifahrer mit Morbus Stargardt, stolperte über eine Spaßidee in den Weltcup. Seine Eltern erfuhren es Wochen später. Ein passender Ansprechpartner? Fehlte. „Ich habe mir alles selbst zusammengesucht“, sagt er. Die MTV Stuttgart hat reagiert und eine Para-Sport-Akademie aufgebaut – finanziert über Stiftungen, weil staatliche Mittel stocken.
Die Lücke ist personell dramatisch: Geschulte Trainer mit Inklusions-Know-how sind Mangelware. Mandy Pieper, Inklusionsmanagerin des MTV, berichtet von Verunsicherung in den Vereinen. „Die Leute denken, sie wären der Sache nicht gewachsen.“ Folge: Breitensport bleibt geschlossen, Talente unentdeckt.

Medaillen jetzt, leere danach
Kathrin Marchand gewann keine Medaille, wurde zur Symbolfigur. Ihre Geschichte zeigt: Sichtbarkeit entsteht trotz, nicht dank Strukturen. Die nächste Generation wird auf Krankenstationen und Sozialnetzwerken gesucht – ein Procedere, das an Absurdität kaum zu überbieten ist. Weddes Fazit fällt knapp aus: „Wenn wir nicht bald aufhören, Zufall zu organisieren, bleibt das Podest leer.“
Die deutsche Paralympics-Delegation reist nach Italien, um zu gewinnen. Die wahre Leistung wäre, nach der Heimkehr endlich ein System zu liefern, das nicht erst dann beginnt, wenn das Schicksal bereits zugeschlagen hat.
